Ein Ort für Begegnungen

Das Büro von morgen muss Identität schaffen – und wird manchmal auch zur zweiten Familie. Designer Ralf Nähring über die Arbeitskultur der Zukunft.

Alle sprechen von den Arbeitswelten der Zukunft. Wie sieht das Büro von morgen definitiv nicht aus?

Anonym.

Und was macht das Büro im Kern aus?

Es geht darum, Identität zu stiften: Arbeitswelten, die Orientierung bieten in einer volatilen Zeit und dadurch Zugehörigkeit schaffen. Die Orte müssen Anlässe bieten, dort gerne sein zu wollen, da ein guter Teil der Arbeit auch online passieren kann …

Werden wir mit Hybriden aus Büro und Homeoffice leben?

Die Möglichkeit, hybrid zu arbeiten gab es auch schon vor der Pandemie. Mobiles Arbeiten bedeutet digitales Arbeiten. Laptop und Smartphone reichen als Zugänge zur hybriden Arbeitswelt aus. Insofern hat die Pandemie vielfach Glaubenssätze von Führungsetagen infrage gestellt. Es wird sich zeigen, in wie weit Unternehmen nun weiterhin hybrid arbeiten oder – falls erforderlich – mehr Präsenz einfordern.

Wie lassen sich die beiden Konzepte klug verbinden?

Klug verbinden bedeutet, in erster Linie den Mitarbeitern und Teams Vertrauen zu schenken. Das ist mehr eine Aufgabe der Führung als der Büroausstattung.

Wie werden Sie selbst in Zukunft arbeiten – und wo?

Grundsätzlich unterscheiden wir die beiden Cluster ME und WE: Arbeit die individuell geleistet wird (unabhängig vom Ort) und gemeinschaftliche Arbeit im Team, die auch eine wichtige soziale Komponente in sich trägt. Unser Office ist vor allem auch ein sozialer Ort, der zufällige Begegnung ermöglicht. Diese ist vielfach die Grundlage für Inspiration und damit auch für Innovationen. Insofern freuen wir uns auf mehr Miteinander nach der Pandemie.

Klingt, als wären Sie ein großer Fan realer Orte und echter Begegnungen …

In der Tat. Körperlichkeit wird gerade komplett ausgeblendet. Mir fehlt das in Telkos. Ich muss etwas präsentieren, kriege aber die Stimmung gar nicht richtig mit. Feedback ist faktisch gar nicht richtig möglich, weil die Körpersprache abgeschnitten ist. Das geht vielen so. Zusammensein an einem Ort verspricht Sicherheit.

Daher haben Sie eine eigene Gestaltungsmethode für Räume. Was heißt ganzheitlich dabei eigentlich?

Wir haben Prinzipien entwickelt, bei denen wir Nutzer*innen befragen, wie sie arbeiten möchten. Letztlich geht es darum, zu verstehen, was das Besondere an diesem Unternehmen ausmacht, das Miteinander, die Arbeitskultur. Wie ist dort die Führung, wie offen ist das Zusammenarbeiten? Wie agil sind sie – oder müssen sie vielleicht gar nicht agil sein? Wie viel Anteil hat Teamarbeit? Aus dieser Analyse entstehen Raumprofile, die zum Unternehmen und seinen Menschen passen. Am Ende geht es um die Kultur. Dann erst kann man die entsprechenden Räume bauen.

Ihr Ansatz klingt stark soziologisch. Gehen Sie damit über reine Innenarchitektur hinaus?

Tatsächlich glaube ich: Ja. Zumindest geht es um mehr als um Flächenkonzepte. Die machen wir natürlich auch, aber wir gehen tiefer rein, denn wir wollen das ganze Thema mitnehmen: Menschen, Change und Kommunikation. Wir wollen Menschen am Prozess teilhaben lassen. Das ist ein Schlüssel dafür, dass die sich auch abgeholt fühlen.

Eigentlich geht es nicht nur um Räume …

Es geht auch nicht nur um das perfekte Mobiliar, sondern es geht um das, was uns verbindet: Ob und wie wir miteinander können.

Und wenn man einfach eine alte Industriehalle nimmt, dazu ein paar Sitz-Steh-Möbel und sagt: Macht einmal …

Genau das haben wir selbst für unser Büro gemacht. Letztlich geht es nicht um die Farbe des Sitzpolster. Natürlich wird man sitzen oder stehen. Aber darum geht es nicht. Eigentlich wollen wir Räume schaffen, in denen Menschen gerne sind.

Das muss nicht zwingend ein Büro sein.

Inzwischen geht es wirklich um Anlässe, ins Büro zu kommen. Die Frage ist doch: Was mache ich jetzt zu Hause? Und was im Büro? Konzentriertes Abarbeiten funktioniert daheim, wenn das Homeschooling gut organisiert ist. Ins Büro gehe ich, weil es einen Anlass gibt, beispielsweise etwas interaktiv zu machen, das über das Digitale hinausgeht. Menschen kommen beispielsweise immer dann ins Büro, wenn gekocht wird. Der Anlass ist, gemeinsam an einem langen Tisch zu sitzen.

Büros sind soziale Gebilde.

Genau. Büro ist mehr als Arbeit. Und wenn man das erkennt, ist es im Büro eigentlich auch gar nicht schlecht. Hier gibt es Menschen jenseits der eigenen Familie, für viele wächst eine Art zweiter Familie. Das ist die wahre, oft unterschätzte Bedeutung von Büros.

Dipl. Des. Ralf Nähring ist Geschäftsführer der Kölner dreiform GmbH, die z.B. den Startup Incubator A32 Entrepreneurs Forum Berlin Siemensstadt mitgestaltete.
 Mehr dazu: www.dreiform.de

Lesen Sie hier den Artikel »Schluss mit der saturierten Bequemlichkeit!«
Peter Ippolito über starre Arbeitsmaschinen, neue Aufgaben für das Büro, schlaue Grundrisse und die Entscheidung, sich dem internationalen Wettbewerb zu stellen.

Lesen Sie hier den Artikel »Hygge reicht nicht«
Monika Lepel über spannende Orte, neue Arbeitsplätze und den Boom der Innenarchitektur.

Lesen Sie hier den Artikel »Wir müssen die Zukunft gestalten«
Susanne Brandherm und Sabine Krumrey über echte Orte und den Wert guter Atmosphäre im digitalen Grundrauschen.