Smart Home

Smart Home ist mehr als Saugroboter und interaktive Kühlschränke. Es erweitert den gewohnten Raum zur Nutzeroberfläche. Was aber kommt unter den digitalen Bausteinen zum Vorschein?

Die Zeit rein analoger Wohnungen geht offenbar zu Ende. Sie sind bald Teil einer Cloud-Infrastruktur, die sehr viel über die Wünsche und Vorlieben ihrer Bewohnerinnen und Bewohner weiß und diese ganz selbstverständlich in Profile, personalisierte Angebote, Services und neue Geschäftsideen umsetzt. Big Data eröffnet eine schier unendliche Rohstoffmine, aus der Algorithmen Trends herausdestillieren. Viele Antworten auf die Frage, wie wir in Zukunft wohnen werden, liegen in den Serverfarmen von Google, Facebook, Apple und der NSA. Die Analyse an sich banaler Einzeldaten sagt mehr über Veränderungen im Nutzerverhalten und Denken von Mietern, Eigentümern, Händlern und Baumeistern aus als so manche soziologische Studie. In dieser Zukunft befinden wir uns bereits.

Leben in der Nutzeroberfläche

Smart Home erweitert den gewohnten Raum zur Nutzeroberfläche. Was aber kommt unter den digitalen Bausteinen zum Vorschein? Das Leben von morgen ist bequem, vollelektrisch, interaktiv – und doch womöglich etwas einsam. Cocooning in der eigenen Filterblase sucht daher nach seinem Gegenstück im Öffentlichen; die Reduktion bedarf der Weite des Netzes. Es ist noch nicht ausgemacht, in welche Richtung das Ganze laufen wird. Aber eines ist sicher: Flexiblere Grundrisse braucht die Welt. Und mehr Gemeinschaft.

Von der Wohnmaschine der Moderne führt ein direkter Weg zum Maschinenwohnen der Digitalmoderne mit vernetzten Küchengeräten, virtuellen Assistenten und anderen Annehmlichkeiten in der Grauzone zwischen Unterstützung, Überwachung und Rundumversorgung. Das Leben in der Nutzeroberfläche wird ständig »verbessert« – ein Versprechen, das direkt der modernen Avantgarde entlehnt scheint. Der Preis dafür? Wir bewegen uns in den digitalen Ökosystemen einzelner Anbieter. Nutzer und Nutzerinnen zahlen mit der Preisgabe ihrer Daten. Und erhalten eine lebenslange Beta-Version der jeweils besten aller möglichen Datenwelten.

Nach kurzer Zeit »wissen« die Algorithmen der KI , welche Lichtstimmung wir wünschen, wenn wir von der Arbeit kommen und welche Playlist uns beim Aufwachen hilft. Die Wohnung liest uns alle Wünsche von den Lippen ab. Und wenn jemand vom »Wischen« spricht, ist bestimmt kein Staubtuch gemeint, sondern das Display eines jener Mobilgeräte, die Lichtszenarien steuern und schon bald den Haustürschlüssel ersetzen dürften.

Dr. Oliver Herwig, München
www.oliver-herwig.de

Killerargument Komfort

Eine Studie des Branchendienstes Bitkom vom September 2020 kommt bei digitalen Accessoires zu folgenden Ergebnissen: Die Beleuchtung steht ganz vorn (23%), noch vor Alarmanlagen (18%) und Video-Überwachung (16%), Heizung (15%), Steckdosen (13%), Verbrauchszähler (10%), Gartengeräte (8%). Abgeschlagen folgen Fensterputz-Roboter (3%) sowie Schließanlagen und Haus-Notrufsysteme (je 2%). Spannender ist schon die Art der Steuerung: Der stationäre Sprachassistent (85%) schlägt das Smartphone (74%) – und über die Hälfte aller User steuern per Sprachbefehl (52%). Das ist in der Tat eine Erleichterung, wenn frau/man gerade mit dem Kleinen im Arm auf der Suche nach einem wichtigen Dokument für die nächste Online-Runde in drei Minuten ist. Und auch diese Erkenntnis ist wichtig: Wir nutzen Smart-Home-Anwendungen, weil wir uns „mehr Komfort und Lebensqualität“ (72%) versprechen, »mehr Sicherheit« (65%) und mehr Energieeffizienz (52%). Alle drei Kriterien stiegen in den letzten drei Jahren deutlich, gesunken hingegen ist die Vorstellung, dadurch Geld zu sparen – und zwar von 38%im Jahr 2018 auf 24%im Jahr 2020.

Komfort ist das Killerargument. Wir lassen also Rollos automatisch runterfahren, wenn die Sonne aufgeht und regeln die Temperatur des Schlafzimmers von unterwegs, damit es schön kuschlig ist, wenn wir ankommen. Saugroboter bearbeiten die Wohnung und Alexa ist sowieso schon Teil der Famlie, wenn sie mal wieder den Blumenstrauß zum Geburtstag bestellt, den wir sonst wieder mal vergessen hätten.

Auszug aus dem neuen Buch von Oliver Herwig, das bei Birkhäuser im Frühjahr 2022 erscheint: »Home Smart Home«, 2022.

Isabell Battenfeld:
»Technik ist deutlich umweltschädlicher.«

Was hat das Wohnen der letzten Jahre verändert? (Welche Techniken, welche Tendenzen?

Eindeutig die Pandemie! Ressourcenknappheit, steigende Baupreise, Homeoffice, Quarantäne, eingeschränkte Beweglichkeit und das Besinnen auf die wirklich wichtigen und wesentlichen Dinge im Leben. Ich persönlich finde, die Pandemie hat viel Gutes mit sich gebracht. So sollte man durch die Materialknappheit und die steigenden Preise beispielsweise seinen generellen Konsum, die Recyclingfähigkeit von umbautem Raum und auch den eigenen Platzbedarf hinterfragen. Wohnen und Arbeiten unter einem Dach, so mache ich es seit 2020 und habe kein offizielles Büro mehr, wofür auch? Darüber hinaus hat die Pandemie auch die Digitalisierung vorangetrieben, die ich persönlich schon lange praktiziere, in dem ich fast komplett papierlos und cloudbasiert arbeite, meine Zugticket digital erwerbe, kontaktlose zahle und auch die unnötigen Reisen zu Meetings nun in meinem Homeoffice abhalten kann. Die Digitalisierung trägt so auch zu einer Reduzierung von Ressourcen in unterschiedlicher Dimension bei.

Isabell Battenfeld, Köln
www.isabellbattenfeld.com

Was wird »Smart Home« mit uns Nutzer*innen machen?

Ich bin kein großer Fan des »Smart Home«, obwohl ich großer Fan der Digitalisierung bin. Ich finde Gebäude sollten wieder über Ihre Hülle, die Wahl der Materialien und Ihre Bauweise (Ausrichtung der Fenster und Fenstergrößen nach Himmelsrichtungen) funktionieren. Quasi »Low-Tech«! Auch hier spielt für mich die Reduzierung auf das Wesentliche wieder eine große Rolle. Nachhaltigkeit ist nämlich auch die Berücksichtigung der Gegebenheit und nicht nur das stupide Bauen ohne Limit nach dem Motto: Die Technik regelt dann schon alles. Zumal im Vergleich zur Bausubstanz die Technik oft eine kürzere Lebenszeit aufweist und damit deutlich umweltschädlicher ist, durch den nötigen Austausch und die Wartung.

Was ist die persönliche, positive Wohnzukunft?

Für mich ist die Reduzierung auf die wesentliche Dinge und Funktionen mein Wohn- und Lebensideal. Kleiner und Kompakter leben, weniger Ressourcen verbrauchen, gute und flexible Grundrisse und Sharing von Räumen, Funktionen oder beweglichen Sachen, die man nicht jeden Tag benötigt.

Hannes Bäuerle:
»Ich wünsche mir OFF-Räume.«

Was hat das Wohnen der letzten Jahre verändert? (Welche Techniken, welche Tendenzen?)

Mehr Touchscreens (von der Küche bis ins Bad) versuchen die klassische Bedienelemente zu ersetzten. Mir persönlich fehlt dabei der „haptische Touch“ und die Funktionalität lässt noch oft zu wünschen übrig (nasse Hände …). So lange kein echter Mehrwert damit generiert wird, fördert diese Tendenz nur die Rückbesinnung auf den klassischen Kippschalter.

Verändert hat sich der Bedarf an smarten Schnittstellen, mit denen wir (am besten zentral von einem Gerät aus) das Licht, die Musiksammlung und Lautstärke oder mediale Inhalte steuern möchten. Alle diese »Schnittstellen« benötigen Strom – immer häufiger über USB. Das heißt: Es gibt immer mehr USB Dosen. WLAN ist Grundnahrungsmittel.Gesunde Materialien mit positiver Ausstrahlung und aktiven Eigenschaften sind ein Luxus, den ich nicht mehr missen möchte.

Hannes Bäuerle
Geschäftsführer raumprobe Stuttgart
www.raumprobe.com

Was wird »Smart Home« mit uns Nutzer*innen machen?

Die Sehnsucht nach echter Berührung steigt. Die ständige Vernetzung bringt aber auch eine große Flexibilität, wan, wo und wie ich arbeite, kommuniziere oder konsumiere.

Die ganz persönliche, positive Wohnzukunft?

Einerseits die völlige Vernetzung und Steuerung von Prozessen mit smarten Zugriffspunkten. Andererseits komplette OFF-Räume oder Zonen, in denen der Fokus auf unsere sinnlichen Bedürfnisse erfüllt wird und die aktiv unsere Gesundheit fördern.

Jasna Moritz:
»Alles kann problemlos von der Couch erledigt werden.«

Was hat das Wohnen der letzten Jahre verändert? (Welche Techniken, welche Tendenzen?)

Die Digitalisierung hebt zunehmend die Trennung von Wohnen, Arbeiten und Konsum auf – das alles kann problemlos von der Couch aus erledigt werden. Das bedeutet mehr Freiheit, erfordert aber eine kritische Aufmerksamkeit für soziale und zwischenmenschliche Interaktion.

Jasna Moritz
Mitglied der Geschäftsleitung kadawittfeldarchitektur Aachen
www.kadawittfeldarchitektur.de

Was wird »Smart Home« mit uns Nutzer*innen machen?

Smart Home bedeutet große Potentiale zur Energieeinsparung und mehr Komfort, der gerade für Menschen mit körperlichen Einschränkungen im Alltag hilfreich sein kann. Zugänglich und erschwinglich für alle ist es leider (noch) nicht, gleichzeitig bergen die digitalen Schnittstellen nicht unerhebliche Sicherheitsrisiken.

Die ganz persönliche, positive Wohnzukunft?

Intelligente Häuser und Sharingkonzepte reduzieren den Flächen- und Ressourcenverbrauch pro Kopf und steigern gleichzeitig die Qualität für alle: Wir können uns zurückziehen, erfreuen uns an Synergien beim gemeinsamen Kochen, Essen, Werken, wir teilen Garten, Bücher, Sportgeräte, Wellnessangebote … und leben gesund und im Einklang mit der Natur.

Benjamin Moser:
»Smart Home macht uns zu freieren Menschen.«

Was hat das Wohnen der letzten Jahre verändert? (Welche Techniken, welche Tendenzen?)

Grenzen verschwinden: Bad und Küche werden zum Wohnzimmer, das gesamte Zuhause zum Office, der Garten zum Naherholungsgebiet. Dieser Umstand ist ein Zeichen unserer Zeit: Privatleben und Arbeit verschmelzen, was nicht zuletzt der Technologie und fortschreitenden Digitalisierung geschuldet ist.

Benjamin Moser, Zürich
www.benjamin-moser.ch

Was wird »Smart Home« mit uns Nutzer*innen machen?

Die einen verteufeln »Smart Home« und sprechen von totaler Überwachung und davon, dass Nutzer*innen zu gläsernen Menschen werden. Ich plädiere da auf pragmatischen Optimismus und persönliche Intuition: Macht ein Device oder Service Sinn für mich oder nicht? Ein autonomer Staubsauger-Roboter zum Beispiel macht dieselbe Arbeit wie ich, aber dann, wenn ich nicht zuhause bin. Wow(!), will ich haben. Leuchtmittel, die ich übers Smartphone steuern kann, eine automatisierte Bestellung, die Non-Food-Produkte wie Waschmittel, Shampoo etc. beim Onlineshop meines Vertrauens bestellt, wenn sie ausgehen: Ja, will ich. Eine smarte Lüftung, die den CO2-Gehalt in der Luft misst und anpasst: Ja, will ich. Aber ganz wichtig: Jeder Device und Service braucht ein einfaches Handling und einen leicht zu findenden Off-Schalter oder Off-Befehl, mit dem er sich deaktivieren lässt. Wenn nämlich die automatische Sonnenstore nervt, oder ich keine Lust auf Durchzug habe und mich Siri falsch verstanden hat und ich keinen Sound und kein Lichtambiente, sondern einfach nur meine Ruhe haben will. Mit pragmatischem Optimismus kann uns »Smart Home« zu freieren Menschen machen – wage ich zumindest zu hoffen.

Was ist Deine/Eure persönliche, positive Wohnzukunft?

Der persönliche Alltag wird erleichtert und mein smartes Home nimmt mit Arbeit ab – ganz einfach: Das Leben wird erleichtert. Einkaufen bzw. Schleppen war gestern, Staubsaugen ebenso, die Wäsche macht sich von selbst (hatte unlängst auf einer Messe die Lösung hierzu von V-Zug gesehen – wow!). Und wenn ich älter werde, passt es zudem auf, dass, wenn ich stürze, meine Familie kontaktiert wird. Alles in allem: Smart Home spart mir Zeit und hilft mir mein Leben angenehm und sicher zu machen. Schön wäre, wenn ich dazu nur einen Master-Zugang wie Siri brauchen würde, der für alle Systeme funktioniert. Das wäre meine persönliche positive Wohnzukunft. Damit ich mehr Zeit zum „Leben“ habe und weniger Zeit verliere, mit Tätigkeiten, die mich nicht erfüllen, sondern eben nur Zeit kosten.

Leo Lübke:
»Alles wird komfortabler«

Was hat das Wohnen der letzten Jahre verändert? (Welche Techniken, welche Tendenzen?)

Was hat das Wohnen der letzten Jahre verändert? (Welche Techniken, welche Tendenzen?
Treffen/Gespräche mit Familie und Freunden finden immer häufiger am Esstisch statt. Der Aufenthalt dort wird länger. Daher werden die Stühle immer bequemer und komfortabler. Wo früher ungepolsterte und spartanische Holzstühle oder Freischwinger standen, kommen heute üppige Sesselchen zum Einsatz. Im Gegensatz dazu wird das Sofa/die Sitzlandschaft zu einem Rückzugsort zum Lesen, Lümmeln, Entspannen. Das Sofa ist die Vorstufe zum Bett. Man sitzt nicht auf dem Sofa, sondern man liegt vielmehr. Deshalb werden die Sofas immer größer und weicher.

Leo Lübke
Designer und COR Geschäftsführer
www.cor.de

Was wird »Smart Home« mit uns Nutzer*innen machen?

Das Smart Home ist in gewisser Hinsicht ein digitaler Diener. Man muss nicht mehr aufstehen um das Licht zu dimmen, Heizung und Rolladen zu bedienen oder die Sauna anzustellen. Alles wird komfortabler. Am Wohnen selbst wird sich durch Smart Home aus meiner Sicht aber nichts ändern.

Was ist Deine/Eure persönliche, positive Wohnzukunft?

Es macht Freude, immer wieder kleine Veränderungen vorzunehmen. Neue Bilder aufzuhängen, eine Wand in einer anderen Farbe zu streichen, neu zu dekorieren und die Wohnung Stück für Stück an das Lebensgefühl und die Persönlichkeit der Bewohner anzupassen.