Schaffen wir die Bauwende!?
Teil 2

Genau dieser Frage sind wir mit einer Umfrage nachgegangen. An Sonntagsreden und Bekundungen zum Klimawandel und zur Ressourcenschonung fehlt es gerade nicht. Hier besteht große Einigkeit.

Was passiert hier und heute real auf den Baustellen, bei Architekten und Bauschaffenden? Schaffen wir die Bauwende? – haben wir Architekten und Projektentwickler gefragt.

Prof. Christian Heuchel
Geschäftsführender Gesellschafter O&O Baukunst GmbH Köln

Ich bin im bäuerlichen Milieu einer Großfamilie groß geworden. Es wurde gestopft, geflickt, aufgetragen, getauscht, gebrauchte Pullover über Generationen vererbt. Es gab nichts was weggeschmissen wurde. An Verschwendung war nicht zu denken. 13 Personen am Küchentisch, gewärmt durch einen großen Kamin. Sparsamkeit war Alltag. Die Architektur der Mangelwirtschaft prägte meine Kindheit. Eine Realität, aus deren grauen Enge man ausbrechen wollte. Heute tauchen diese Erinnerungen wieder auf. Verpackt in den Begriffen cradle-to-cradle, kreislaufgerechte Wirtschaft, lifetime cycle, reduce, reuse, recycle und smart home. Ein Rückblick, der für mich schon lange als Lebensprinzip überwunden schien.

Welche Rolle spielt bei Dir (O&O) das Thema „Transformation des Bauens“?

Unsere Bürostandorte in Berlin, Köln und Wien sind täglich mit der Transformation des Bauens beschäftigt. Technische, kulturelle und soziologische Forderungen wirken seit Jahren auf unsere Architektur. Die Transformation der Städte durch den Zweiten Weltkrieg, der Wiederaufbau, die autogerechte Stadt, die Wohnungsnot der 50er Jahre haben ihre Spuren in der Stadtgestalt hinterlassen. Die Architektur wurde durch die Erfindung des Betons, das Schmelzen des Glases, durch das elektrische Licht und die Dampfmaschine transformiert. Mies van der Rohe schwärmte von der Eleganz, der Materialechtheit des Stahlbaus und forcierte damit die Möglichkeiten der Architektur der Moderne. Günter Behnisch philosophierte über die Leichtigkeit seiner luftigen Glas- und Stahlkonstruktionen als Bausteine einer neuen Demokratie.

Wo liegen die realen Veränderungen, was behindert, was befeuert den Wandel?

Der ausgerufene Klimanotstand unterstreicht die „Zeitenwende“. Sie wird zum aktuellen transformativen Element. Es gilt die Forderungen pragmatisch in solide Architektur- und Bauprinzipien zu überführen. Dabei sollte man die geübte Verfeinerung der Materialien nicht über Bord werfen. Der Glaube an „gute Architektur“ sollte nicht zu Gunsten einer ökonomischen Mangelwirtschaft aufgegeben werden. Unsere Städte brauchen erkennbare Identität. Sie verspüren den Wunsch nach Utopie und die Vision. Ich möchte endlich in einer besseren Welt aufwachen. In einer Kulisse, die ich aus Bildern zahlreicher Science-Fiction Filme kenne. Eine Stadt, die sich selbstverständlich zum Bessern weiterentwickelt hat. Eine Stadt, die jeden Tag meinen Wunsch nach Schönheit, Luft und Licht erfüllt. Eine Architektur, die sich gerne der Verschwendung hingibt und rätselhaft bleibt. Gebäude sind die beste Investition in unsere Zukunft.

Was muss passieren, damit es weiter voran geht / Anregungen / Kritik?

Der Architekt muss jetzt führen. Eine historische Herausforderung, die der Architekt Balthasar Neumann schon im 16 Jahrhundert spürte. Der Architekt soll seine Hände und seinen ordnenden Verstand einsetzen. Er sollte sich selbstverständlich in den allgemeinen Diskurs einbringen, seine Position als Gestalter einfordern. Nur er kann die Probleme der Transformation sortieren und auf Dauer im Bau einlösen. Er wird nicht überrumpelt von den immer neuen Themen, die der Klimawandel mit sich bringt. Der Architekt hat die Gestalt der Stadt im Griff. Alle anderen Akteure der Stadt ertrinken im Knäuel der Kompromisse.

Der Architekt wird die unangenehmen Wahrheiten aussprechen. Er wird die Unvereinbarkeit von beschleunigtem Wohnungsbau und ökologischen Bauen erklären. Er wird die archaischen Formen der Architektur und der Stadt heraufbeschwören. Er wird uns zeigen, warum die Brachialität des Bauens zu kaum spürbaren Veränderungen der Architekturgestalt führen wird.

Welche positiven Beispiele können Sie nennen?

In den 60er Jahren stellte das Architektur- und Kunstbüro Haus-Rucker Co die richtigen Fragen zum „Überleben in verschmutzter Umwelt“. Die Generation hatte den Wunsch sich vor der Natur, der Umwelt zu schützen. Sie hatten die Idee mit geodätischen Kuppeln Städte komplett zu überdecken. Mit Überlebenskapseln und durchlässigen Folien trennte man sich und sein Habitat von der „bösen Umwelt“. Man kam nicht auf die Idee, die Erde zu retten oder den Status quo des Klimawandels zu sichern. Es waren gezeichnete Utopien, geboren aus einer gesellschaftlichen Dynamik, in demokratischen Stadtgesellschaften. Es waren Bottom-Up-Impulse als natürliche Reaktionen auf die Trägheit der politischen Entscheidungen und den zunehmenden Einheitsbrei der Architektur unserer Städte.

Prof. Christian Heuchel ist Künstler, Architekt, Stadtplaner und Hochschullehrer. Er studierte Architektur in Karlsruhe und Baukunst an der Kunstakademie Düsseldorf, wo er seit 2000 lehrt. Er ist Gründer der Architektengemeinschaft rheinflügel, des Künstlerbüros Heuchel Klag und des Künstlerkollektivs ULTRASTUDIO. Als geschäftsführender Gesellschafter von O&O Baukunst führt er seit 2006 die Standorte Köln und Wien. 2020 wurde er zum Member of the Advisory Board des Fachbereichs „Art and City“ an der Universität Complutense Madrid berufen. Seit 2021 hat er eine Professur an der Kunstakademie Düsseldorf und ist zum Stadtplaner ernannt worden. Seine Beiträge unter derarchitektmitderpuppe geben Impulse für die Diskussion über Stadt und Architektur.

Jörg Ziolkowski, Dipl.-Ing. Arch. BDA
Geschäftsführender Gesellschafter, ASTOC Architects and Planners GmbH

Der Begriff Transformation im Zusammenhang mit Bauen erzeugt bei mir zunächst ein schlechtes Gewissen. Reflexartig denke ich an Produktionstechnologien aus dem Auto- oder Industriebau, die die digitale Transformation seit über 30 Jahren erfolgreich umsetzten und praktizieren. Gleichzeitig stehe ich auf einer Baustelle von 360 Wohnungen und beobachte das Vermauern von einzelnen großformatigen Ziegelsteinen.

Ist das zeitgemäß?

Während andere Produktionsbereiche über Wertstromdesign oder Durchlaufzeitenoptimierung nachdenken, Simulationen des Produkteinsatzes durchführen und die „Smart Factory“ agile Produktionsabläufe ermöglicht, rühren wir den Mörtel an.

Gibt es also eine Transformation des Bauens?

„Im Prinzip ja, aber…“, um mit Radio Eriwan zu antworten. Natürlich unterscheidet sich eine Baustelle des Jahres 2020 von der Baustelle 1990. Es wäre polemisch, wenn man die Entwicklungen zu „Lean Construction“ oder den Einsatz von „Agumented Reality“ im Bereich des Baumanagement an dieser Stelle nicht erwähnen würde, aber auf Ebene der mittelständischen Unternehmer ist der Begriff „Tradition“ nach wie vor positiv behaftet. Transformation ist hier (noch) nicht die Vision. Die Hoffnung liegt hier im Generationenwechsel der Firmeninhaber.

Im Bereich der Planung von Gebäuden und Infrastruktur ist zumindest eine umfassende „digitale Transformation“ festzustellen. Die Erstellung von digitalen Daten begann mit dem Wechsel vom Rapidographen zur Maus als Zeichen- respektive Modellierungswerkzeug. Aus Tuschestrichen und -Schraffuren wurden zunächst Linien und Schraffuren am Bildschirm, später dann 3D-Modelle aus denen 2D-Pläne (Grundrisse, Schnitte etc.) abgeleitet wurden. Mittlerweile sind die geometrischen Gebäudedaten nur noch ein Teil eines ständig wachsenden Datenmodells, dass auch Angaben wie Kosten, Termine und Qualitäten enthält. Gleichwohl liefen diese Entwicklungen bestenfalls im Kreise der beteiligten Planer und den direkt mit Ihnen zusammenarbeitenden Personen ab.

Die Immobilienwirtschaft als Ganzes begleitete diesen Prozess eher skeptisch, bedeutete er doch zunächst nur Mehrkosten durch erhöhte Planerhonorare und ein vages Versprechen von besserer Planungsqualität, Projektsicherheit und effizienteres Facility Management.

Mit dem Konzept der EU-Taxonomie im Rahmen des Green-Deal wurden ESG-konforme Richtlinien (Environmental, Social, Governance) definiert, wie ein Projekt beschaffen sein muss, um förderfähig zu sein. Nur wenn diese Regeln eingehalten werden, erhält ein Investor Kapital für ein neues Projekt. Überprüft wird dies über eine Offenlegungspflicht entsprechender Projektinformationen, die von den Planern bereits in einer frühen Leistungsphase zur Verfügung gestellt werden müssen.
Projekte, die die ESG-Anforderungen nicht erfüllen, werden in der Branche als „Stranded Assets“ bezeichnet. Diese Objekte will man schon aufgrund ihrer Bezeichnung nicht im Portfolio haben.
Diese veränderte Anforderung eröffnet die Chance für Planer mit ihren digitalen Planungsabläufen aus der „nerdigen“ Ecke herauszukommen und die Bühne der gesellschaftlich relevanten Diskurse zur Nachhaltigkeit zu betreten.

So können aktuell die Herausforderungen des nachhaltigen Planen und Bauens recht einfach mit den Möglichkeiten des digitalen Zwillings dargestellt werden. Beispielsweise können über Ökobaudatenbanken ökologische Materialkennwerte mit den Bauteilen der Modelle der Planer verknüpft werden. Im Ergebnis ist es möglich verschiedene Material- und Konstruktionskonstellationen bereits in frühen Leistungsphasen zu simulieren und hinsichtlich ihres ökologischen „Fußabdrucks“ zu bewerten.

Die Arbeit der Planer bekommt somit eine zusätzliche gesellschaftliche Relevanz. Es geht nicht mehr „nur“ um lebenswerte Wohn- und Arbeitswelten, die durch gute Planungskonzepte überzeugen. Die Minimierung der Belastungen für die Umwelt aus Bau, Betrieb und Abbruch der Immobilie ist Vorgabe an die Arbeit der Planer und Betreiber von Gebäuden und Infrastrukturen. Da der Auftraggeber Planungs-Konzepte, die die Finanzierungsanforderungen der Banken gemäß den ESG-Richtlinien ermöglichen, braucht, fordert er Planungskonzepte die Nachhaltig sein müssen.

Heureka, so kann nachhaltiges Planen endlich im großen Maßstab funktionieren und die Werkzeuge dazu liegen funktionsfähig auf dem Tisch. BIM wird hierbei zum notwendigen Informations- und Technologieträger Es gibt auch bereits Konzepte, die den zusätzlichen planerischen Aufwand für die Umsetzung der Simulationen und Berechnungen finanziell bewertet. So ist beispielsweise der Nachweis des ökologischen Fußabdrucks von geplanten Gebäuden bereits im Entwurf zur Novellierung der HOAI 202x eine Grundleistung der Planer enthalten.

Also alles gut?

Ein Grundkonsens zu den Zielen des ökologischen Umbaus scheint in großen Teilen der Immobilienwirtschaft vorhandenen zu sein. Die Vorgaben und Bestimmungen auf politischer Seite entstehen, die Werkzeuge zur technischen Umsetzung sind einsatzbereit. Welche Maßnahmen uns aber konkret zur möglichst effizienten Reduzierung der CO2-Emissionen bringen, ist noch zu klären. Ich verweise an dieser Stelle beispielsweise auf die Veröffentlichungen und Diskussionsbeiträge von Werner Sobek. Über die „digitale“ Transformation kommen wir nun zur „ökologischen“ Transformation des Bauens und beide Transformationen bedingen und befördern einander.

Für den Berufsstand des Architekten bleibt aus meiner Sicht nur festzuhalten, dass wir die Anforderungen zur Erreichung der Nachhaltigkeitsziele im Bereich der Gebäudeplanung verstanden haben und die Verantwortung zur Umsetzung annehmen. Wir sind in der Lage unseren Auftraggebern fundierte Entscheidungsvorlagen zu erstellen und die darauf basierende Entscheidungen umzusetzen. Ob diese Konstellation am Ende reichen wird, um mit unserer Arbeit der nächsten Generation ein Erbe zu hinterlassen, das ihnen ein nachhaltiges Leben ermöglichen wird, können wir nur hoffen.

Jörg Ziolkowski ist geschäftsführender Gesellschafter bei ASTOC Architects and Planners GmbH – mit knapp 30 Jahren Erfahrung bei der Planung und Realisierung von hochbaulichen Projekten. Seine Expertise geht bis in die Ausführungsplanung, im Speziellen von Büro- und Wohnungsbauten. Zudem begleitet er maßgeblich sämtliche Digitalisierungsmaßnahmen bei ASTOC. Nach seiner Tätigkeit als selbstständiger Architekt ergänzt er seit 2008 seine langjährigen Kollegen, wo er seit 2009 Teil der Geschäftsführung ist. Jörg Ziolkowski engagiert sich nicht nur als Mitglied der 12. Vertretersammlung der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen, sondern als BIM-Experte auch als regelmäßiger Referent bei diversen Fachveranstaltungen u.a. im Vorstand bei buildingSMART e.V.

Jörg Ziolkowski ist Geschäftsführender Gesellschafter bei ASTOC ARCHITECTS AND PLANNERS in Köln. Nach seinem Architekturstudium mit Diplom an der RWTH Aachen folgten zunächst mehrere Stationen in renommierten nationalen und internationalen Architekturbüros sowie seine Tätigkeit als selbstständiger Architekt mit ZIOLKOWSKI.WS ARCHITEKTUR. Seit 2008 ergänzt er seine langjährigen Kollegen bei ASTOC, wo er seit 2009 Teil der Geschäftsführung ist. Als BIM-Experte engagiert sich Jörg Ziolkowski regelmäßig als Referent bei diversen Fachveranstaltungen und u.a. als aktives Mitglied bei buildingSMART e.V. und als Mitglied der 12. Vertreterversammlung der Architektenkammer Nordrhein-Westfalen.

Manuel Schupp, Dipl.-Ing. Architekt
Geschäftsführender Gesellschafter, ORANGE BLU

Welche Rolle spielt bei Ihnen das Thema „Transformation des Bauens“?

Die Transformation des Bauens hat noch viel zu wenig Einzug in unseren Arbeitsalltag genommen. Bei mehr als die Hälfte unserer Aufträge wird das Thema Nachhaltigkeit von der Bauherrschaft nicht thematisiert. 
Jedoch sind wir als Architekten verpflichtet unsere Bauherren darauf hinzuweisen, dass aufgrund der eingeführten ESG Nomenklatur (Treibhausgasneutralität Europas bis 2050) seit Anfang letzten Jahres das Reporting von Nachhaltigkeitskriterien für alle Unternehmen verpflichtend geworden ist. Und auch Einfamilienhäuser werden im Endeffekt zu Finanzprodukten, wenn der Bauherr merkt, dass bei der Veräußerung der Gebäude, die nicht unter Nachhaltigkeitskriterien geplant sind, diese nicht mehr marktgerecht sind. Wir sind als frühes Mitglied des DGNB selbstverständlich auch Unterzeichner der Initiative Phase Nachhaltigkeit. Die Deklaration erscheint jedoch wie die Absichtserklärung eines Vereins von Idealisten, obwohl es mittlerweile zwingend ist, Nachhaltigkeit in alle Planungsprozesse zu integrieren. Nachhaltigkeitsziele sind heute nicht mehr verhandelbar. Erinnern wir uns an die Einführung von Sicherheitsgurten, die wider besseren Wissens bei deren Einführung optional noch als Extra geführt wurden, bis Bußgelder das Anlegen durchsetzen.

Wo liegen die realen Veränderungen, was behindert, was befeuert den Wandel?

Wir Architekten befinden uns noch viel zu sehr in Abgrenzungsszenarien. Warum teilen wir nicht tatsächlich offen unser Wissen und unsere Erfahrungen und erlauben Kollegen, die nicht zu unserem Büro gehören, um darauf aufzubauen? Gerade auch weil unserer Aller Lernkurve in Bezug auf Nachhaltigkeitsthemen enorm steil ist.

Wie steht‘s eigentlich um die Entromantisierung der alten Werte?

Open Source hat noch überhaupt keinen Einzug gehalten. Spätestens bei Einschaltung von bauausführenden Unternehmen auf der Baustelle kultivieren wir alle immer noch Konfrontation und nicht Kooperation. Hier mein Apell zu mehr WIR.

Warum wird aufgeständerte Photovoltaik so bevorzugt?

Integrierte Photovoltaik Konzepte BIPV erfährt eine nachteiligere steuerliche Behandlung. Dies betrifft auch die in Fassaden integrierte Anlagen je nach Bundesland.
 Die ESG Taxonomie erzwingt endlich für Immobilien, eine andere Vorgehensweise.

Was muss passieren, damit es weiter voran geht / Anregungen / Kritik?

Einige Anregungen: Ich schlage eine gemeinschaftliche Analyse der Architekten – und Ingenieurkammern sowie der Verbände der deutschen Bauindustrie zum Thema Nachhaltigkeit vor. Somit erhielten deren Mitglieder strukturierte Handlungsempfehlungen zur Weitergabe an ihre Bauherren und Implementierung in deren Bauten. Wir benötigen eine für die Baubranche einheitliche Systematik für Nachhaltigkeitskriterien. Eine gute Basis ist die Auflistung der Kriterien auf Seite 15 der folgenden Publikation:

www.bbsr.bund.de

„Architektur ist gebautes Wissen“, jedoch fehlt eine vertrauenswürdige Nachhaltigkeits-Quelle, DIE Single Source of Information. 
Wo kann ich mich neutral und von Anderen kommentiert informieren und äußern, ohne dass der Produkthersteller dafür bezahlt hat?

Wir benötigen einen klaren Weg zum Auffinden von Bauprodukten und deren Nachhaltigkeitsklassifizierung. Das EU-Energielabel für Kühlschränke benutzt eine Farbskala von Grün bis Rot. Die Einteilung der Energieeffizienzklassen geht von A bis G. A steht für die energieeffizientesten Geräte am Markt, G hingegen für weniger effiziente Modelle. Als Spielraum für technische Fortschritte und Anreiz für Hersteller wird die Klasse A zunächst frei bleiben. Für Bauprodukte muss es eine entsprechende laienverständliche Einteilung, geben. Heute erfolgen die Zertifizierungen von Bauprodukten nur aufgrund von Bezahl- und Geschäftsmodellen, deshalb tauchen auch in Nachhaltigkeitsbaudatenbanken PVC -haltige Baumaterialien auf, und da gehören sie nicht hin.

Zu Beginn eines Bauvorhabens ist es sinnvoll die DIN 18205 Bedarfsplanung anzuwenden. Sie ist von 1996 und sollte unbedingt überarbeitet werden auch in Bezug auf die Taxonomie der ESG.
Somit werden klimarelevante Forderungen integriert. Jedoch nicht jeder Architekt kann Nachhaltigkeitsexperte sein, vor allem nicht, wenn 120.000 Architekten in 40.000 Büros in Deutschland organisiert sind. Benötigen diese jetzt eine Nachhaltigkeitsabteilung bei durchschnittlich 3 Mitarbeitern?

Ich wiederhole hier meinen Appell an die gesamte Branche: Bitte mehr WIR!

Welche positiven Beispiele können Sie nennen?

Wir beobachten mit großem Interesse vorbildliche Projekte und Publikationen von merz kley partner, einigen Vorarlberger Kollegen, werner sobek, sauerbruch hutton.

Unser richtungsweisendes Projekt für ein süddeutsches Familienunternehmen, bei dem Themen gesetzt sind wie: Kreislaufwirtschaft, Montage und Demontage mit sichtbaren Verbindungsmitteln, maximale Holzsichtigkeit, Elementbauweise, Modulbauweise, auch von sichtbarer Haustechnik Vermeidung von Verbundbaustoffen, regionaler Bezug zur lokalen Kultur, Herkunft der Baustoffe und ausführenden Firmen und Arbeitsplatzqualität.

Manuel Schupp ist einer der Gründer und geschäftsführender Gesellschafter des Architekturbüros ORANGE BLU.
An der Universität Stuttgart und der ETH Zürich studierte er als Stipendiat der Studienstiftung des Deutschen Volkes und des DAAD. 1985 wurde er bei der Architekturbiennale in Venedig mit dem Steinernen Löwen ausgezeichnet. Nach seiner Tätigkeit für Reichlin, Reinhart und Santiago Calatrava in der Schweiz kam er 1986 nach London zu James Stirling, Michael Wilford and Associates, die durch die Staatsgalerie in Stuttgart Weltruhm erlangt hatten. 1990 eröffnete Manuel Schupp die deutsche Niederlassung des Architekturbüros James Stirling, Michael Wilford and Associates und wurde zum Associate ernannt. Nach dem Tod von Stirling wurden Wilford Schupp Architekten die Rechtsnachfolger, heute ORANGE BLU. Neben Vorstandstätigkeiten im BDA bis 2017, der Mitgliedschaft im Städtebauausschuss der Stadt Stuttgart und der Teilnahme im Auswahlausschuss der Studienstiftung des Deutschen Volkes engagiert er sich als Mitgründer des Wirtschaftsverbandes ena (european network architecture). Er ist Mitgründer des Projektsteuerungs- und Bauleitungsunternehmens fritzP. Zudem ergänzen seine Mitgliedschaft im Aufsichtsrat der Hochschule für Technik Stuttgart, Lehrtätigkeiten sowie Vorträge und Preisrichtertätigkeiten sein berufliches Spektrum.

Imke Woelk, Dr. Ing., Architektin und Künstlerin
Gründerin und Leiterin des Büros IMKEWOELK + PARTNER ARCHITEKTEN

Welche Rolle spielt bei Ihnen die Transformation des Bauens?

Dem Bauen ist eigen, dass es sich fortwährend wandelt. Es materialisiert unsere jeweiligen kulturellen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Errungenschaften. Leider ist dabei besonders in den letzten fünfzig Jahren großer Schaden entstanden. Wir haben die Anforderungen der uns umgebenden Ökosysteme ignoriert, und damit unsere eigenen Lebensbedingungen außer Acht gelassen. Wir hätten längst aus unserem Tiefschlaf aufwachen können. Nicht nur Erd- und Klimawissenschaftler gehen seit langer Zeit die Wände hoch. Dennoch ist noch nicht viel passiert.

Die Bauwirtschaft hat heute 40% des weltweiten CO2-Ausstoßes zu verantworten. Hitzewellen, Fluten, Hungersnöte – die Vorboten der kommenden Dürrezeit werfen die Frage auf, unter welchen Bedingungen überhaupt noch eine gerechte, räumliche Zukunft für alle Menschen entworfen werden kann. Dem Bauwesen kommt auch eine Schlüsselrolle bei der Umsetzung von Ressourceneffizienz zu. Was soll ich sagen, ich bin Architektin, der Bericht des Club of Rome zu den Grenzen des Wachstums und der Lage der Menschheit lag bereits 1973 auf dem Tisch meiner Eltern. Bisher mochte ich nicht viel bauen.

Mein Arbeitsschwerpunkt lag bisher im konzeptionellen Bereich. Ich habe innerhalb von Studien und Wettbewerben flexible und mehrdeutige Raummodelle entworfen, bei denen Atmosphäre, Struktur und Landschaft miteinander verschmelzen. Grundlage bilden die veränderlichen sozialen und politischen Handlungsspielräume, denen Raum zu geben war. Die Ergebnisse fasste ich in künstlerischen Arbeiten zusammen. Kunst hat die Fähigkeit transformative Veränderungen über eine viel umfassendere Auseinandersetzung mit möglichen Zukünften darzustellen. Sie ist ein wichtiger Kommunikator.

Wo liegen die realen Veränderungen, was behindert, was befeuert den Wandel?

Ich bin aufgewachsen in einer pluralistischen Welt, in der jedoch notwendige Veränderungen unserer gebauten Umwelt wenig unterstützt wurden. Mittlerweile ist der Ruf nach einer an den Erkenntnissen der Wissenschaft orientierten, konsequenten Klimapolitik sehr laut geworden. Junge Menschen sind enttäuscht und drücken ihren Unmut aus. Eine Vielzahl von Initiativen setzen sich aktiv für die Transformation des Bauens ein. An Universitäten wird an der Neukalibrierung von Konstruktion und Infrastruktur, ökologisch sinnvollen Materialien und Rezyklierungsprozessen gearbeitet.

Nach Ansicht von Hans Joachim Schellnhuber, dem ehemaligen Leiter des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, ist die Klimaapokalypse heute nur noch mit einer Wahrscheinlichkeit von 20% abwendbar. Hoffen wir, dass er nicht Recht hat. Gesetzlich fixierte Standards verhindern auf allen Ebenen den Wandel und werden zum Feind der Architektur. Es ist unfassbar wie viele Festlegungen unser Bauwesen reglementieren. Diesen Einschränkungen liegt selten ein ganzheitlicher Ansatz zugrunde. Festgelegte Normen für die Dimensionierung von Konstruktion, Brand- und Wärmeschutz stehen für Anpassungen bereit.

In der Praxis geht der Holzbau voran, ist aber in kein fortwirtschaftliches Gesamtkonzept eingebunden. Es ist nicht klar, wieviel Waldflächen, bzw. Naturzonen wir schützen müssen, wieviel Aufforstungen täglich notwendig wären, um ein dynamisches Gleichgewicht herzustellen, das in der Lage ist unsere Ökosysteme zu stabilisieren. Der Holzbau allein wird das Klima nicht retten, aber sicher entscheidend werden. Neben der Lieferung von regenerativem Material, können Bäume Sauerstoff produzieren und CO2-Emissionen einlagern. Der Lehmbau rückt wieder in den Fokus, und kann auch in Europa auf eine lange Tradition zurückgreifen.

Was muss passieren, damit es weiter voran geht / Anregungen / Kritik?

Die Aufgabe ist klar. Unsere Umwelt ist von einem mineralischen in einem organischen Lebensraum weiterzuentwickeln. Nur das, was regenerativ eingesetzt werden kann, ist jetzt wirklich wichtig. Unsere planetarischen Grenzen können dabei nicht verlassen werden. Das verlangt den Einsatz von erneuerbaren Energien und wiederverwertbaren Ressourcen. Ökonomie und Ökologie werden in einem effizienten Verhältnis zu stehen haben. Der Umbau der Bauwirtschaft ist eine globale Fragestellung. Notwendige politische Beschlussfassungen und gesetzlichen Manifestierungen werden herausfordernd sein.

Natürlich ist dabei die Weiternutzung von vorhandenem Raum ein großes Thema. Wir haben auf dieser Welt bereits so viel gebaut, dass wir von einer weiteren, menschengemachten Erdkruste sprechen können. Längst wissen wir, dass die darin eingelagerte graue Energie achtsam zu nutzen ist. Der jährliche Einsatz an Baustahl und Zement ist erheblich, was in der Summe dazu führt, dass der deutsche Gebäudebestand nach Aussage des Bundesumweltamt schätzungsweise 15 Milliarden Tonnen Material umfasst und einem anthropogenen Materiallager für den Hochbau gleichkommt.

Alle ökologisch sinnvollen Materialen sind zu zertifizieren und gegenüber Produkten, deren Herstellung über die Nutzung von fossilen Brennstoffen erfolgt, günstiger anzubieten. Ohne Zertifikat gibt es keine Herstellergarantien, und der Bauherr wird sie nicht akzeptieren. Konstruktionen müssten leichter und materialärmer werden. Naheliegende Lösungen sind auf allen Ebenen zu suchen und wieder über den Baustoffhandel verfügbar zu machen. Das Weiterentwickeln von Urbanität und Infrastruktur ist abhängig von politischen Entscheidungen. Vermutlich sind die Markt- und Eigentumsstrukturen neu aufzustellen.

Welche positiven Beispiele können Sie nennen?

Wir Menschen beginnen gerade sehr viel zu lernen und an unseren Verpflichtungen gegenüber zukünftigen Generationen zu arbeiten. Viele von uns unterstützen bereits die Umgestaltung unserer Gesellschaft, was uns vom materiellen Konsum wegbringen, und zum ökologischen Wohlergehen führen kann. Auf diesem Weg werden wir unser Menschenbild neu ausrichten können. Das souveräne Selbst, das wir uns so lange eingebildet haben und das eine große Plage für die Natur bedeutet, gibt es nicht. Wir sind immer schon Symbionten gewesen. Genetisch, entwicklungsgeschichtlich, anatomisch, physiologisch, neurologisch, ökologisch.

Schon Buckminster Fuller fragte sich in seinem Buch ‚Operating Manual for Spaceship Earth‘ erstmals 1969 veröffentlich, wie man die Naturgesetze nutzen und neue Architektur entwickeln kann, die eine direkte Transformation von Energie in Raum darstellt. Er überlegte, ob Architektur als eine Art von Atmosphäre verstanden werden könnte, die in unmittelbarem Kontakt mit der Umwelt, und der sich ständig verändernden Bedingungen steht. Hier denken heute Menschen weiter und entwickeln bereits vernetzte Beziehungen, die zum zur Erhaltung des Planeten beitragen.

In Berlin sind gerade zwei Forscherinnen des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung in den Klimaschutzrat der Stadt berufen worden. Dieses 18-köpfige Gremium aus Wissenschaft, Wirtschaft, Verbänden und Vertretern der Zivilgesellschaft wird künftig den Senat und das Abgeordnetenhaus zu Fragen der Klimaschutz- und Energiepolitik beraten. Dieser neu einberufene Klimaschutzrat soll an Strategien und Maßnahmen im Bereich des Klimaschutzes und der Klimaanpassung mitwirken. Auch daraus kann sich für den Bausektor viel Positives entwickeln.

Und überhaupt – werden Sie selbst zu einem guten Beispiel. Denken Sie bei der Planung in längeren Zeiträumen und entwickeln Sie Gefühl in Bezug auf das Bauen.

Imke Woelk forschte für Bildungseinrichtungen in Deutschland, Dänemark, Italien und unterrichtete als Gastprofessorin an der Duksung Women’s University in Seoul, Südkorea. 2010 promovierte sie an der TU Berlin. 2016 wurde sie von der Berliner Senatsverwaltung für Kultur in den Beratungsausschuss Kunst berufen und absolvierte 2018 an der Harvard GSD bei Michael Hays das Seminar ‚Architectural Imagination‘. 2019 erhielt sie den Juryvorsitz für den nationalen Tschechischen Architekturpreis. Ihre Videoarbeit After All. The Culture of Nature war 2019 Teil der offiziellen AFFIV-Auswahl des Art Film Festivals in Cannes. 2020 erfolgte Ihre Berufung in den Deutschen Werkbund.

Caspar Schmitz-Morkramer, Dipl.-Ing. Architekt
CEO, Gründer und Inhaber des Architekturbüros caspar.

Nachhaltiges Bauen: Besser Haltung entwickeln als Haltung haben

Als Architekt:in hat man sich heute zur Nachhaltigkeit zu bekennen und eine „Haltung“ zu haben. Die Gesellschaft fragt, die Kinder fragen, die Bauherr:innen fragen. Und das Gewissen auch. Gut so. Druck formt.

Aber Druck kann auch zur Gleichförmigkeit führen. All die Statements zur Nachhaltigkeit und der besseren Zukunft, die man auf unseren Websites findet – und allzu oft nicht findet: Sie klingen, als wüssten wir voll Bescheid; als würden das „Grün“, das „Miteinander“, der „Dialog“, die „Inklusion“, die „Verantwortung“ usw. die Sache schon richten, sofern wir sie oft genug beschwören. Wie schön die Dächer in unseren Entwürfen blühen, wie wir die „Aufenthaltsqualität“ steigern oder das „Mikroklima“, alles vollflexibel optimieren und Autos in der Stadt blöd finden – ich weiß, dass das alles richtig ist, aber ich fühle es nicht mehr, weil ich weiß, dass sowas da eben stehen muss. Weil es so furchtbar austauschbar, beliebig und auswendig gelernt klingt. Dabei sind deutsche Architekturbüros doch so unterschiedlich und vielfältig. So wie das Thema der Nachhaltigkeit selbst. Müsste eine Haltung nicht also erst einmal – egal, mit wie vielen ich sie am Ende teile – etwas Individuelles sein?

Konvergenz, als biologischer Terminus, meint, grob gesagt, dass Lebewesen bei ähnlichen Umwelteinflüssen und Funktionen ähnliche, bisweilen identische Körperformen ausbilden, wobei „die bloße Ähnlichkeit eines Merkmals noch keinen Rückschluss auf Verwandtschaft erlaubt“ (Wikipedia). Hai und Delfin haben eine ähnliche Silhouette, aber keine stammesgeschichtliche Gemeinsamkeit. Aus genetischer Sicht sind sie völlig verschieden, aber aus der Distanz sehen sie fast gleich aus. Erst aus der Nähe erkennt man, dass der eine viel hässlichere Zähne hat.

Was Haltung mit Körperform beziehungsweise -verformung zu tun hat? Alles. Immerhin sprechen wir über eine quasi-orthopädische Metapher, die für unsere Gesinnung, genau, „steht“. Steh gerade, Kind! Also erhobenen Hauptes! Sei aufrecht! Buckel vor niemandem und hab‘ Rückgrat! Hast du keins, wirst du dich immer verbiegen und immer anders zu den Dingen stehen müssen.

Natürlich habe ich eine „Haltung“. Und wenn ich „ich“ sage, meine ich auch und vor allem: wir. Unser Büro. Die Mitarbeiter:innen, ohne die es das „Ich“, das sich anmaßt, hier stellvertretend für sie zu sprechen, nicht gäbe. Und es ist natürlich eine Anmaßung. Denn eine Haltung kann, erst einmal, nur etwas Persönliches sein. Natürlich möchte ich – als Privatmann im Namen meiner Kinder und meiner Familie, als Geschäftsmann im Namen meiner Angestellten – nachhaltig leben und entwerfen. Nur: Wer will das nicht? Wir alle gehen aufrecht.

Wir alle gehen aufrecht in eine Zukunft, die wir, die Privilegierten, versauen – sehenden Auges, seit Jahrzehnten, schön stromlinienförmig. Wir kommen aus einer schuldhaften Vergangenheit, die die Zukunft verformt: Im weltweiten Vergleich hat Deutschland bis 2017 insgesamt und kumulativ fast zweimal so viel CO2 ausgestoßen wie ganz Afrika. Oder ganz Südamerika. Mit anderen Worten: Deutschland hat so viel verbraucht wie zwei Kontinente. Und fast halb so viel wie ganz China. Akzeptieren wir die weithin genannte Zahl von 40 Prozent Anteil des Bausektors an globalen CO2-Emissionen, können wir sagen: Im Laufe der Geschichte hat allein Deutschlands Bauwesen ungefähr so viel wie ganz Afrika insgesamt verbraucht.

Sicher, das Blatt hat sich, nun ja, „gewendet“: Bezogen auf das Jahr 2018 ist der Anteil Deutschlands an den globalen CO2-Emissionen schließlich nur noch halb so hoch wie der von Afrika, das im Vergleich zu Deutschlands 83 Millionen aber auch nur läppische 1,3 Milliarden Einwohner hat. China holt rasant auf und setzte 2020 ungefähr sechzehnmal so viel CO2 frei wie Deutschland. Doch das „Argument“, dass unser „winziges“ Land im Vergleich zu Riesen wie China oder Indien global gesehen ohnehin keinen Unterschied machen könne, ist falsch, vor allem historisch falsch: CO2-Ausstoß kumulativ, 1750–2017: Indien 3 %, Deutschland 5,73%. 2018: Indien 7,12%, Deutschland 1,93%. Einwohner Indien: knapp 1,4 Milliarden.

Zu sagen, wir müssten eigentlich „CO2-Reparationen“ zahlen, mag hart ausgedrückt sein. Aber im Angesicht der Zahlen und ihrer Konsequenzen für diejenigen, die das Pech haben, nicht in der sogenannten Ersten Welt zu wohnen, ist es vor allem angemessen ausgedrückt. Denn wir wissen, dass jene Konsequenzen durchaus mit den Folgen eines Kriegs verglichen werden können.

„Wir“ – das ist Deutschland, sicher. Aber „wir“, das sind eben auch und in erster Linie: wir, die wir bauen und bauen lassen; also wir Architekt:innen, wir Bauwirtschaftler:innen, wir Gebäudemacher:innen. „Wir“ sind leider die Schlimmsten. Wir sind für mindestens 40 Prozent aller CO2-Emissionen auf diesem Planeten verantwortlich, aber mit großer Wahrscheinlichkeit sind es mehr. Tatsächlich gibt es, was diese zentrale Zahl betrifft, eine geradezu babylonische und bisweilen unfreiwillig komische Sprachverwirrung.
Ich kann nicht für die deutschen Architekt:innen sprechen. Noch kann ich leugnen, dass mein Gebrauch von Worten wie „gleichförmig“ oder „stromlinienförmig“ insofern unfair ist, als er Feigheit oder Duckmäusertum assoziieren lässt. Wenn alle – mich eingeschlossen! – mehr oder weniger dasselbe sagen, heißt das ja nicht, dass das falsch ist. Konvergenz ist zwingend und plausibel. Konvergenz ist gut! Der Blauhai ist der siebtschnellste Fisch im Meer. Offenbar funktioniert seine Form, und form follows function.

Aber ich hätte kein Rückgrat, wenn ich so täte, als hätte ich wirklich eine belastbare Nachhaltigkeitshaltung. Ich weiß, dass ich, dass die allermeisten von uns, nicht konsequent genug sind, und ich weiß außerdem, dass ich mich für diese Konsequenz (noch) nicht gerüstet fühle. Wir alle, so zertifiziert wir auch sein mögen, wissen das. Wir haben keine Zeit mehr. Die meisten von uns haben den Schuss schon vor langer Zeit gehört, vielleicht vor zu langer Zeit. Was wir seit Jahren hören, ist, glaube ich, nicht mehr der Schuss, sondern sein Nachhall. Ist es möglich, dass wir beides inzwischen verwechseln? Ich jedenfalls habe das Gefühl, in einer selbstbeschwichtigenden Echo-Kammer zu sein, in der mein Nachhaltigkeitswissen – trotz oder wegen der steten Flut an neuen Kenntnissen über Techniken und Material – eher ab- als zuzunehmen scheint. Das Gefühl eines rasenden Stillstands.

Ich habe keine Haltung mehr, weil ich nicht länger glaube, mir eine erlauben zu können. Was ich habe – und damit bin ich sicher nicht allein – ist eine Schon-Haltung. Für mich gilt es, der „Haltung“ ebenso wie der „Nachhaltigkeit“ ihre Anführungszeichen zu nehmen. Statt mich selbst und andere zu zitieren, muss ich für meine Mitarbeiter:innen – vor allem: mit ihnen! – eine neue Haltung finden. Als ich während der letzten Monate den Schuss nochmal und wieder und wieder hörte, wurde mir klar, dass ich erst die Voraussetzungen dafür schaffen muss. Das heißt: die Suche vorbereiten. Diese Suche und die Voraussetzungen dafür dokumentieren, begleiten und unterstützen wir mit unserer Publikationsreihe Der Nachhalt.

Wer mich heute nach meiner Haltung fragt, dem kann ich nur sagen: Meine Haltung zur Nachhaltigkeit besteht einstweilen darin, eine Haltung zur Nachhaltigkeit zu entwickeln, und am Beginn dieser Entwicklung steht der Prolog.

Caspar Schmitz-Morkramer studierte Architektur an der RWTH in Aachen und der TU Berlin. Erste Arbeitserfahrungen gewann er bei Murphy/Jahn (Chicago) und Renzo Piano (Genua). 2019 ging sein Architekturbüro caspar. aus der 2004 gegründeten Büropartnerschaft meyerschmitzmorkramer hervor.

Die Arbeit von Caspar Schmitz-Morkramer und seinem Büro wurden mit zahlreichen Preisen gewürdigt. Darunter die zweifache Auszeichnung für das Projekt Abtei Michaelsberg mit den renommierten MIPIM Awards. Ein büroeigener Think Tank recherchiert, analysiert, diskutiert und verarbeitet Zusammenhänge von gesellschaftlichen und architektonisch-städtebaulichen Entwicklungen. So entwickelt er einerseits Theorien, Ausstellungen, Publikationen oder öffentliche Gesprächs- und Vortragsformate, andererseits konkrete, zukunftsfähige architektonische
Methoden und Entwürfe.