Weniger ist mehr
TEIL 5/5 mit Gerhard G. Feldmeyer

In unserer aktuellen fünfteiligen KAP-Newsletterfolge widmen wir uns dem Suffizienzgedanken in Architektur, Stadt- und Landschaftsbau – der Idee, mit weniger Fläche, Material und Technik mehr Lebensqualität zu schaffen. Wir wollen zeigen, warum kluges Reduzieren kein Verzicht ist, sondern der Schlüssel zu nachhaltigem, sozialem und zukunftsfähigem Bauen.
Es kommen Köpfe aus ganz unterschiedlichen Bereichen zu Wort – aus Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, Wirtschaft und Wissenschaft. Ihre Perspektiven zeichnen gemeinsam ein vielschichtiges Bild davon, was Suffizienz heute bedeutet und wie „Weniger ist mehr“ konkret werden kann.
Und: »Suffizienz ist keine Romantisierung der Bescheidenheit. Sie ist die realistischste Antwort auf eine Krise, die wir uns selbst gebaut haben – wörtlich. Das Zuhause der Zukunft hat vier Koordinaten: bezahlbar, ökologisch, gemeinschaftlich, ästhetisch. Es braucht neue Narrative und mutiges Handeln. Wir müssen aufhören zu labern – und anpacken!«, so Nathanael Over in seinem Beitrag für’s KAP-Forum.
Unser Engagement gilt der Zukunft des Bauens!
Das Redaktionsteam
Gerhard G. Feldmeyer
Architekt, Climate Responsible Strategies, Botschafter Madaster Foundation
Andreas Grosz
Initiator und Leiter KAP Forum für Architektur & Stadtentwicklung
Tobias Groß
Partner+Gestalter KAP Forum, Gründer und Leiter Studio für Gestaltung, Köln
Die Autor:innen
Andreas Kipar | Stefanie Weidner | Lucio Blandini | Christa Reicher | Lorenz Nagel | Karin Loosen | Nathanael Over | Timm Sassen | Sebastian Nödl | Jutta Albus | Tobias Wiesenkämper | Stefan Forster | Andreas Mendler | Frank Christian Hinrichs | Gerhard Feldmeyer | Verena Brehm | Gerhard Lüdtke | Hilmar v. Lojewski

Gerhard G. Feldmeyer
Architekt, Climate Responsible Strategies, Botschafter Madaster Foundation
Foto: ©Gerhard G. Feldmeyer
Von der Suffizienz zur Opulenz und zurück
Das Thyssenhaus: Ikone der Nachkriegsmoderne
Als ich zu Jahresbeginn meine überquellenden Bücherregale etwas entrümpeln wollte, hielt ich plötzlich einen Werkbericht aus 1962 vom Thyssenhaus zu Düsseldorf in Händen – ohne zu übertreiben: Die Ikone der Nachkriegsmoderne in Deutschland. Herausgeber: das Institut für Bauplanung und Bautechnik, Martin Mittag. Neugierig geworden, begann ich zu blättern. Erläuternde Texte zu fast allen heute gleichermaßen relevanten Themen, zahlreiche Tabellen, eine Vielzahl von Detailzeichnungen und herrliche Schwarz-Weiß-Fotos. Ich begann zu lesen.

Thyssenhaus 1960, Foto: ©Walter Mogg
Leichtigkeit als konzeptionelles Prinzip
In den einleitenden Gedanken zur Planung und Gestaltung geht es immer wieder um Leichtigkeit, und zwar sowohl in gestalterischer als auch in physikalischer Hinsicht. Die drei horizontal und vertikal gegeneinander versetzten schmalen Scheiben scheinen über dem Hofgarten zu schweben. Alle Lasten werden direkt abgetragen. Materialintensive und kostspielige Lastumlenkungen werden vermieden. Der typologisch klare, regelhafte Grundriss führt wie von selbst zu wirtschaftlichen Spannweiten und lässt sich nahezu vollständig aus seriellen Bauteilen konstruieren. All diese Eigenschaften gehen nicht zu Lasten der Ästhetik – ganz im Gegenteil!
Innenliegende Räume – Fehlanzeige. Alle Büroflächen mussten den Anforderungen ständiger Arbeitsplätze genügen – also Versorgung mit Tageslicht und Außenbezug.
Auch damals, vor 70 Jahren, wurde schon leidenschaftlich über „Open Space“ als erstrebenswertes Bürokonzept diskutiert. Folgerichtig fiel die Entscheidung auch für einen Skelettbau – zu dieser Zeit noch ein Novum. Die Tatsache, dass die Entscheidung für einen Stahlskelettbau fiel, hatte allerdings maßgeblich mit dem Bauherrn Thyssen zu tun. Der in Deutschland führende Stahlproduzent wollte natürlich ein Showcase, das aus seinen Produkten hergestellt ist.
Materialeffizienz und »tote Lasten«
Interessant fand ich den Begriff „tote Lasten“. Gemeint sind Lasten, die unnötigerweise durch ein hohes Eigengewicht von Bauteilen entstehen und bis in die Fundamente abgetragen werden müssen. Im aufgehenden Gebäudeteil wurde daher nahezu vollständig auf massive Wände verzichtet. Zahlreiche Deckensysteme wurden untersucht, wobei Konstruktionsweisen, Dimensionierung, Brandschutz, Schallschutz und insbesondere das Gewicht im Fokus standen. In den Regelbereichen kam schließlich eine nur acht Zentimeter dicke Stahlbetonrippendecke unter Verwendung von Bimsbeton zur Ausführung. Bims ist im Vergleich zu den üblichen Gesteinskörnungen deutlich leichter. Das konstruktive Raster beträgt 4,2 m, das Fassadenraster und somit das Ausbauraster 1,40 m. Die Deckentraglast ist in den Normalgeschossen auf die heute noch ausreichenden, 350 kp/m² ausgelegt.
Da die Geschossdecken aufgrund ihrer Ausdehnung und Anzahl den größten Einfluss auf das Gesamtgewicht des Rohbaus haben, wurde von den Architekten und Ingenieuren dieser eigengewichtoptimierte Ansatz gewählt.
Unter der Rubrik „Das Hochhaus in Zahlen“ sind folgende Werte dokumentiert: Gründungskörper: 6100 m³ Beton, 965 t Stahl. Aufgehender Baukörper: Stahlskelett 2400 t, Beton 3200 m³, Stahl 165 t, Bimsbeton 800 m³.
Im Zusammenhang mit der Fassade spricht Helmut Hentrich von einer „Tapete“ und meint damit die gewünschte flächige, entmaterialisierte, fast zweidimensionale Wirkung. Nach Untersuchung mehrerer Varianten fiel die Entscheidung für eine Rahmen-Pfosten-Konstruktion aus Aluminium. Zielvorgabe war, gegenüber herkömmlichen Fassadenkonstruktionen mindestens 50 % Gewicht einzusparen.
Aus diesem Grund wurde beispielsweise die notwendige feuerbeständige Brüstung nicht durch Hintermauerung der Aluminiumkonstruktion hergestellt, stattdessen wählte man ein deutlich leichteres feuerbeständiges Element aus emailliertem Stahlblech.
Zur Raumlufttechnik
Ursprünglich wünschte sich der Bauherr öffenbare Fenster und den weitgehenden Verzicht auf Raumlufttechnik. Aufgrund der befürchteten Zunahme des Verkehrslärms (autogerechte Stadt), der Prognosen für die Aufheizung der verdichteten Innenstadt im Sommer und der berechneten Windkräfte bei der geplanten Gebäudehöhe und Geometrie führten schließlich doch zu einer Festverglasung und einer entsprechenden Raumlufttechnik zur Sicherstellung der notwendigen hygienischen Luftwechselraten.
Was die Raumlufttechnik betrifft, wurde zwischen dezentralen und zentralen Systemen abgewogen. Größere Technik-Aufstellflächen auf dem Dach waren nicht gewünscht. Die Entscheidung fiel zugunsten eines dezentralen Konzeptes in Form einer unterstützenden Lüftung.
Die Ausbildung einer Lüftungszentrale im Untergeschoss und infolge der Geschosszahl auch in einem Regelgeschoss zuzüglich der dann erforderlichen Schächte hätte mehr Fläche in Anspruch genommen als die Anordnung von jeweils zwei kompakten Lüftungszentralen pro Geschoss. Von dort mussten Zu- und Abluft dann nur noch horizontal verteilt werden.
Die Luft wurde über die abgehängte Decke in die Büroräume eingeblasen. Eine individuelle Regelung war nicht vorgesehen. Geheizt wurde zusätzlich mit individuell regelbaren Plattenheizkörpern im Brüstungsbereich jeder Ausbauachse.

Foto: ©AWD Ingenieure
Vorreiter der Leichtbauweise
Das Thyssenhaus kann mit Fug und Recht als ein Vorreiter der Leichtbauweise bezeichnet werden. Woran mag es gelegen haben, dass in allen ressourcenintensiven Bauteilgruppen wie Rohbau, Fassade, Innenausbau und Gebäudetechnik das Bewusstsein für Ressourceneffizienz derart ausgeprägt war?
Sicher waren in den Nachkriegsjahren Baumaterialien knapp und teuer, Arbeitskräfte hingegen trotz Wirtschaftswunder in Relation günstiger. Ich bin jedoch nach der Lektüre des Werkberichts überzeugt, dass die Architekten und Ingenieure, aber auch der Bauherr von der Motivation getrieben war, etwas Neues, Innovatives zu schaffen, und ja, ich spüre so etwas wie Respekt, was den Umgang und den Verbrauch von Materialien und Produkten betrifft.
Gedankenspiel: Thyssenhaus 2000.
Rückblick auf die eigene Planungspraxis
All dies verinnerlicht, ließ ich meine eigene Schaffensperiode ab Mitte der 1980er-Jahre Revue passieren. Ich stellte mir vor, wie ich ein neues Thyssenhaus in den frühen Nullerjahren entworfen hätte. Also theoretisch angenommen, ein Auftraggeber hätte mich beauftragt, das Thyssenhaus noch einmal zu bauen – vergleichbarer Standort, gleicher Baukörper mit dem gleichen Rauminhalt und einer identischen Bruttogeschossfläche.
Wohlwissend, dass jedes Projekt eine detaillierte inhaltliche Auseinandersetzung mit unzähligen spezifischen Parametern erfordert, lässt sich Folgendes festhalten:
Höchstwahrscheinlich hätte ich eine umlaufende, geschosshohe Ganzglasfassade mit öffenbaren Fenstern vorgeschlagen. Und ich bin sicher, der Vorschlag wäre beim Auftraggeber und möglichen Nutzern für ein Bürohaus in Toplage auf fruchtbaren Boden gefallen.
Aufgrund der zu diesem Zeitpunkt gültigen Wärmeschutzanforderungen in Doppel-Isolierverglasung (heute übrigens schon in Dreifach-Isolierverglasung). Um die thermische Belastung zu beherrschen, folgerichtig mit einem außenliegenden Raffstore. Damit dieser bei einer Gebäudehöhe von 100 m auch bei höheren Windgeschwindigkeiten funktionsfähig bleibt, wäre eine sogenannte Prallscheibe unvermeidbar gewesen. Das Fassadengewicht hätte sich so von ca. 70 kg pro m² (Thyssenhaus von 1956) auf über 160 kg pro m² erhöht. Zugegebenermaßen mit einem deutlich verbesserten Wärmeschutz (U-Wert).
Was den Rohbau betrifft, hätte ich die Spannweite, also den Abstand der tragenden Stützen, im Vergleich zum Original bestimmt verdoppelt. Wenn wir uns schon den Luxus einer Ganzglasfassade gönnen, dann doch bitte auch mit einem möglichst ungestörten Rundumblick. Ich erinnere mich an eine Besichtigung mit einem Kaufinteressenten des Original-Thyssenhauses im Jahre 2010, der am Stützenabstand von 4,20 m und der dadurch entstandenen hohen Zahl von Stützen Anstoß genommen hat.
Die Verdopplung des Stützenabstands in Verbindung mit der Erhöhung der Deckentraglasten auf heute übliche 500 kp/m², der erhöhte Schallschutz, höchste Anforderungen an das Schwingungsverhalten sowie eine Durchbiegungsbegrenzung im Deckenrandbereich führen schnell zu Deckenstärken jenseits der 30 cm und das als sogenannte Flachdecken, also mit einer durchgehend homogenen Deckenstärke unabhängig vom spezifischen Lastfall. Was allein dies für den Materialverbrauch und folglich für das Gesamtgewicht des Gebäudes bedeutet, kann man sich leicht vorstellen. Selbstverständlich wächst bei Spannweiten von über 8 Metern auch die Dimensionierung und der Bewehrungsgrad der Stahlbetonstützen überproportional, aber das ist, was das Gebäudegewicht betrifft, fast vernachlässigbar. Drastische Auswirkungen hat das Gesamtgewicht der 24 Flachdecken in der Folge auf die Ausbildung des Gründungsbaukörpers und insbesondere auf die Dimensionierung der Bodenplatte, die möglichst allen denkbaren Lastfällen gerecht werden soll.


Thyssenhaus 2000, Bildmontage: ©Studio Simon Bauer
Thyssenhaus 2040, Bildmontage: ©Studio Simon Bauer
Gebäudetechnik und Performance Gap
Bei der Gebäudetechnik hätte ich wohl einer großen Lüftungszentrale im Untergeschoss und möglichst viel Aufstellungsfläche auf dem Dach zugestimmt. Die Tatsache, dass öffenbare Fenster vorgesehen sind, hat auf die Luftmengenberechnung bedauerlicherweise keinen Einfluss, sondern ist per Definition eine reine Komfortlüftung – „nice to have“. Die Luftwechselraten werden nach den einschlägigen Normen und Richtlinien berechnet. Die Raumlufttemperatur wird über Heiz-/Kühldecken in der nach Arbeitsstättenverordnung vorgesehenen Bandbreite sichergestellt.
Was die Luftreinheitsklasse betrifft, hätten wir uns mit der Einstiegsqualität „überwiegend schadstoffarm“ begnügt, was zu einer Erhöhung der Luftwechselraten führt. Die vollverglasten Eckbereiche sind im Sommer raumklimatisch nur in größeren räumlichen Konfigurationen beherrschbar. Gleiches gilt für den Winterfall, wo sich die Behaglichkeit auch nur in einem größeren räumlichen Zusammenhang sicherstellen lässt.
Das größte Problem ist jedoch das Nutzerverhalten. Wer den außenliegenden Sonnenschutz bei Sonneneinstrahlung übersteuert oder die Fenster bei sehr hohen oder besonders niedrigen Außentemperaturen stundenlang öffnet, möglicherweise ohne selbst anwesend zu sein, verursacht eine sogenannte „Performance Gap“. Das heißt in der Konsequenz, dass sich die berechneten und simulierten Energieverbräuche in der Realität oft nicht einstellen, sondern deutlich höher liegen. Weil unser TGA-Planer sich dieser Zusammenhänge bewusst ist, wird er bei der Dimensionierung der Anlagen einen ordentlichen Sicherheitszuschlag einkalkulieren. All das führt zu überdimensionierten Anlagen und und Kanalführungen sowie in der Folge zu einem unverhältnismäßig hohen Flächen- und Ressourcenverbrauch.

Schnitt: HPP Architekten
Ausblick: Thyssenhaus 2040. Zukunft bauen!
Wie würde man das Thyssenhaus kurz vor der angestrebten Klimaneutralität konzipieren, wie wäre es konstruiert und welche sonstigen Merkmale hätte es? Wohlwissend, dass der menschliche Denk- und Sinnesapparat nur bedingt in der Lage ist, Zukunftsszenarien vorwegzunehmen, möchte ich abschließend und sicher nur ansatzweise einen Ausblick ins Jahr 2040 wagen.
Folgende Leitgedanken würde ich verfolgen: Atmende Fassade, Gebäudehülle als Kraftwerk, Minimierung des Ressourceneinsatzes bei gleichzeitiger Maximierung des Sekundärressourcenanteils und die Verwendung nachwachsender oder natürlicher Baustoffe wo immer möglich.
Die Giebelseiten wären wieder opak ausgebildet, um die überproportionalen Wärmelasten von den Eckräumen zu nehmen. Genauso würde ich wieder opake Brüstungen bauen. Was die Brüstungshöhe betrifft, reduziert auf ca. 60 cm anstatt ca. 110 cm über Fertigfußboden, das macht den Ausblick deutlich großzügiger.
Sämtliche opaken Flächen und das Dach der hohen Scheibe wären als BIPV-(Building Integrated Photovoltaic)-Fassaden ausgeführt. So käme man auf ca. 11.000 qm BIPV-Fläche, die in Verbindung mit Batteriespeichern und Sektorkopplung einen nennenswerten Beitrag zur Stromversorgung des Gebäudes leisten würde.
Auch gestalterisch würde das keine Einschränkung mehr bedeuten, da PV-Paneele längst mit ansprechenden Oberflächen und Farben verfügbar sind. Die Fenster wären nicht öffenbar und in einer elektrochromen Dreifach-Isolierverglasung ausgeführt. Vielleicht sind bis 2040 sogar sogenannte „Smartgläser“ marktreif, die, wie wir es von Brillen kennen, bei Sonneneinstrahlung photoselektiv verdunkeln und den Wärmeschutz gewährleisten.
Um auf eine mechanische Be- und Entlüftung für die Bürobereiche verzichten zu können, ist neben jedem Fenster eine schmale, opake, sensorgesteuerte Lüftungsklappe vorgesehen. Diese öffnet sich automatisch, wenn die Luftschadstoffe die Grenzwerte übersteigen. Bei moderaten Außentemperaturen sind sie übersteuerbar – auf diese Weise ermöglichen wir den gewünschten Außenbezug. Sollten die Simulationen ergeben, dass das Raumluftkonzept bei zukünftigen länger andauernden Hitzeperioden nicht mehr funktioniert, könnten in die opaken Paneele Pendellüfter mit dezentraler Wärmerückgewinnung integriert werden.

Grundriss: HPP Architekten
Da 2040 nur noch zirkulär gebaut wird (Stichwort Materialgesundheit!), hätten wir automatisch die Luftreinheitsklasse „extrem schadstoffarm“, was die erforderlichen Luftwechselraten ohnehin reduzieren würde. Das Gesamtkonzept führt zu drastisch reduzierten Schacht- und Technikflächen und erhöht zugleich die Nutzfläche. Geheizt und gekühlt wird über eine vorgefertigte, elementierte, Lehm-Klimadecke, intelligent gesteuert mittels KI-basierter Wetterdaten. Das Material Lehm trägt im Gegensatz zu Beton zugleich zur Feuchteregulierung der Raumluft und damit zu einer Verschiebung des Taupunktes bei.
Beim Tragwerk würde ich mit einem Tragwerksplaner, der seine Leistung nicht als Sicherheitsnachweis, sondern als integrale Klimadisziplin versteht, eine materialgerechte Hybridbauweise entwickeln. Vermutlich in einem systemeffizienten Zusammenspiel von Holz und CO₂-reduziertem Beton. Die Spannweiten wären auf ein konstruktiv sinnvolles Maß, ähnlich dem Original, ausgelegt.
Große Lust hätte ich allerdings auch, die extrem minimierte Deckenkonstruktion wie beim Original weiterzuentwickeln. Unweigerlich musste ich in diesem Zusammenhang an eine kürzlich von Andreas Mendler gestellte Frage denken: „Was wäre, wenn die Zukunft des Bauens in der Vergangenheit liegt und wir sie nur neu interpretieren müssten?“
Unter Verwendung von grünem Stahl aus Sekundärressource und CO₂-reduziertem Zement ließe sich der CO₂-Fußabdruck der Decken außerdem drastisch reduzieren. Vermutlich wären 8 cm Deckenstärke aus Brandschutzgründen nicht mehr genehmigungsfähig, mit ein paar Zentimetern mehr würde ich mich abfinden. Gegen die Forderung nach erhöhtem Schallschutz würde ich kämpfen, die ständig steigenden Anforderungen an den Brandschutz zumindest hinterfragen. Den baulichen Brandüberschlag würde ich mit einem leichten Brandschutzpaneel sicherstellen.
Nach überschlägiger Berechnung der jeweiligen Gesamtgewichte, komme ich zu dem Ergebnis, dass im Vergleich des Originals mit der 2000er-Variante mindestens doppelt so viel Material verbaut wurde. Die Variante 2040 könnte auf Basis des beschriebenen konzeptionellen Ansatzes ohne weiteres wieder in der Größenordnung des Originals landen.
Wenn wir den Innovationsgeist und die Ingenieurskunst der späten 1950er-Jahre wieder zulassen würden und gleichzeitig eine Handvoll Normen entschärfen würden, könnten wir den Ressourcenverbrauch 2040 für die gebaute Umwelt also wieder in die Größenordnungen der späten 1950er-Jahre bringen. Zu dieser Erkenntnis bin ich durch meine Studien auf Grundlage meiner Expertise als Architekt und zahlreichen inspirierenden Gesprächen mit geschätzten fachlich Beteiligten in den letzten Monaten gelangt.
Ausblick: Rückkehr zur Suffizienz.
Innerhalb planetarer Grenzen bauen
Entwerfen darf in Zukunft nicht mehr primär designgetrieben sein. Wir müssen wieder ein Bewusstsein entwickeln im Einklang mit den natürlichen und physikalischen Gesetzen und innerhalb der planetaren Grenzen zu bauen. In den zurückliegenden Jahrzehnten haben wir mehr und mehr gegen die Natur geplant und gebaut und versucht das Ganze durch immer mehr Technik wieder in den Griff zu bekommen – vieles hat sich verselbstständigt.
Von dem englischen Architekten Cedric Price stammt ein Zitat, das er 1966 im Rahmen einer Vorlesung formuliert hat: „Technology is the answer, what was the question? “
Wir müssen endlich dazu kommen die technologische Komplexität unserer Gebäude wieder zu reduzieren. Stattdessen haben wir in den zurückliegenden Jahrzehnten die Anforderungen durch Normen und andere Richtlinien immer weiter nach oben geschraubt – koste es, was es wolle!
Der Einsatz von halb so viel energieintensivem Baumaterial wie Beton, Stahl, Aluminium und Glas etc. bedeutet schon bei gleicher Bauweise nur halb so viel Gebäudegewicht und folglich nur ca. halb so viel graue Energie – in Verbindung mit intelligenten systemischen und modularen Bauweisen auch noch zu spürbar reduzierten Baukosten.
Wenn wir mehr Sekundärressourcen (wie z.B. mit grünem Strom eingeschmolzenen sortenreinen Aluminiumschrott) und mehr nachwachsende Rohstoffe verbauen, können wir den CO₂-Fußabdruck sogar noch deutlich stärker reduzieren. CO2 hat nämlich einen Preis, selbst dann, wenn die Politik die Abgaben hierfür abschaffen würde. Die Kosten als Folge von Extremwetterereignissen nehmen von Jahr zu Jahr zu.
Übrigens werden sich mit diesem strategischen Ansatz und einer konsequenten Nutzung der urbanen Mine Stoffkreisläufe schneller schließen und den Bedarf an Primärressourcen reduzieren, was uns wiederum unabhängiger vom Weltmarkt und globalen Lieferketten machen würde.
Klar geworden ist mir an dieser Stelle erneut, dass die Transformation des Bau- und Immobiliensektors nur im Zusammenspiel aller Beteiligten aus Planung, Bau, Gesellschaft, Politik, Forschung und darüber hinaus gelingen kann. Ich durfte in den zurückliegenden Monaten zahlreiche inspirierende Gespräche führen und möchte mich an dieser Stelle bei folgenden Experten für ihren fundierten Input zu diesem Beitrag bedanken:
Die Ressourcenfrage wird uns in den kommenden Dekaden in Atem halten. Das Suffizienzprinzip in Verbindung mit dem Kreislaufwirtschaftsprinzip kann die Situation deutlich entspannen. Beide Prinzipien tragen zu einer drastischen Verbesserung der Ökobilanz unserer gebauten Umwelt bei und bringen uns, intelligent umgesetzt, ohne monetären Mehraufwand auf dem Weg zur Klimaneutralität entscheidend voran.
Ich bin sicher, dass uns diese Erkenntnisse zum Umdenken bringen – schließlich wollen wir doch nicht bei vollem Bewusstsein und ohne Not, die ,Stranded Assets‘ von morgen bauen!
Gerhard G. Feldmeyer, Dipl. Ing. Architekt BDA
Architekturstudium – Universität Stuttgart und University of the Southbank, London
Mitarbeit in den Architekturbüros Kikutake architect & associates, Tokyo
und von Gerkan, Marg und Partner Hamburg.
1989 – 2022 HPP Architekten GmbH
2002 – 2022 Geschäftsführender Gesellschafter HPP Architekten GmbH
2023 – Architect I Climate Responsible Strategies
2023 – Botschafter Madaster – Foundation
2023 – Landmarken Gruppe – Real Estate Product Innovation
