Weniger ist mehr
TEIL 3/5 mit
Stefanie Weidner & Lucio Blandini, Christa Reicher, Tobias Wiesenkämper, Jutta Albus

In unserer aktuellen fünfteiligen KAP-Newsletterfolge widmen wir uns dem Suffizienzgedanken in Architektur, Stadt- und Landschaftsbau – der Idee, mit weniger Fläche, Material und Technik mehr Lebensqualität zu schaffen. Wir wollen zeigen, warum kluges Reduzieren kein Verzicht ist, sondern der Schlüssel zu nachhaltigem, sozialem und zukunftsfähigem Bauen.
Es kommen Köpfe aus ganz unterschiedlichen Bereichen zu Wort – aus Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, Wirtschaft und Wissenschaft. Ihre Perspektiven zeichnen gemeinsam ein vielschichtiges Bild davon, was Suffizienz heute bedeutet und wie „Weniger ist mehr“ konkret werden kann.
Und: »Suffizienz ist keine Romantisierung der Bescheidenheit. Sie ist die realistischste Antwort auf eine Krise, die wir uns selbst gebaut haben – wörtlich. Das Zuhause der Zukunft hat vier Koordinaten: bezahlbar, ökologisch, gemeinschaftlich, ästhetisch. Es braucht neue Narrative und mutiges Handeln. Wir müssen aufhören zu labern – und anpacken!«, so Nathanael Over in seinem Beitrag für’s KAP-Forum.
Unser Engagement gilt der Zukunft des Bauens!
Das Redaktionsteam
Gerhard G. Feldmeyer
Architekt, Climate Responsible Strategies, Botschafter Madaster Foundation
Andreas Grosz
Initiator und Leiter KAP Forum für Architektur & Stadtentwicklung
Tobias Groß
Partner+Gestalter KAP Forum, Gründer und Leiter Studio für Gestaltung, Köln
Die Autor:innen
Andreas Kipar | Stefanie Weidner | Lucio Blandini | Christa Reicher | Lorenz Nagel | Karin Loosen | Nathanael Over | Timm Sassen | Sebastian Nödl | Jutta Albus | Tobias Wiesenkämper | Stefan Forster | Andreas Mendler | Frank Christian Hinrichs | Gerhard Feldmeyer | Verena Brehm | Gerhard Lüdtke | Hilmar v. Lojewski

1. Dr.-Ing. Stefanie Weidner
Vorständin der Werner Sobek AG, Stuttgart
Prof. Dr.-Ing. M.Arch. Lucio Blandini
Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Werner Sobek AG und CEO von Werner Sobek New York; Professor an der Universität Stuttgart und Leiter des ILEK
Foto: © Janine Kyofsky
Hat das nachhaltige Bauen noch eine Zukunft?
Themen wie Klimawandel, Emissionen und Ressourcenmangel sind angesichts all der globalen und regionalen Krisen unserer Zeit auf der Prioritätenliste von Entscheidungsträgern und Bauschaffenden weit nach hinten gerückt. Ziemlich paradox, denn zum einen verfügen wir jetzt endlich über ein hinreichend großes Repertoire an Materialien, Methoden und Werkzeugen, um wirtschaftlich, funktional und nachhaltig zugleich zu planen und zu bauen. Zum anderen sind die Auswirkungen des Klimawandels weltweit zu spüren – auch bei uns! Sie sorgen oft genug für Schlagzeilen in den Nachrichten. Kälteeinbrüche, Extremhitze oder Dauerregen verursachen bis 2050 allein in Deutschland nach Schätzungen einer 2024 vom (damaligen) Bundesministerium für Wirtschaft und Klimaschutz in Auftrag gegebenen Studie volkswirtschaftliche Schäden in Höhe von fast einer Billionen Euro. Durch Anpassungsmaßnahmen und proaktiven Klimaschutz ließen sich diese Schäden um 50 % und mehr reduzieren. Grund genug für alle langfristig denkenden Menschen, Kurs zu halten und dem zukunftsfähigen Bauen oberste Priorität einzuräumen.
Dieser Kurs kann aber nur dann Erfolg haben, wenn Nachhaltigkeitsstrategien wie Suffizienz, Konsistenz, Effizienz und Resilienz von Beginn an fester Bestandteil der Projektierung und Planung sind. Am wichtigsten ist hierbei sicher eine verantwortungsvolle Bedarfsplanung. Für welchen Zweck wird gebaut? Welche baulichen und technischen Anforderungen müssen erfüllt werden? Muss es ein Neubau sein oder können wir mit Bestand arbeiten? Simulationen und technische Studien sind ein bewährtes Hilfsmittel, um bereits in frühen Projektphasen die Grundlagen für ein langlebiges, zukunftsfähiges Bauvorhaben legen zu können.
Übrigens: Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit schließen sich nicht aus. Im Gegenteil, sie können sich hervorragend ergänzen – solange die o.g. Regeln beachtet werden. Denn wenn bestimmte kostentreibende Vorgaben gezielt reduziert werden, dann hat das schon heute positive Auswirkungen auf Ökologie und Ökonomie. Sufzienzstrategien können auch zu einem späteren Zeitpunkt gut ins Projekt eingebracht werden, z.B. bei der Bauteiloptimierung. Eine nicht-tragende oder rein auf Druck belastete Stahlbetonwand kann bei richtiger Planung auch ohne Bewehrung ausgeführt werden – mit signifikanten Einsparungen bei Kosten und grauen Emissionen.
Die Kosten eines Gebäudes müssen immer über den ganzen Lebenszyklus betrachtet werden. Die Herstellkosten sind nur ein (relativ kleiner) Teil der Gesamtkosten. Betriebskosten und Aufwendungen für Instandhaltung und Wartung können und sollten bei der Planung berücksichtigt werden. Unsere Bauwerke müssen robust und leicht zu warten sein, hohen Komfort für die Nutzenden bieten und am Ende ihres Lebenszyklus vollständig in den Stoffkreislauf rückführbar sein. Ein emissionsfreier Betrieb ist das absolute Minimum – es gibt keinen Grund, hier stehenzubleiben.
Etablierte Prozesse überdenken, alte Denkstrukturen überwinden und Akzeptanz für Veränderung erreichen – hierfür brauchen wir einen Paradigmenwechsel. Eine engere Rückkopplung zwischen Forschung, Praxis und Politik würde hier helfen. Fachliche Expertise und disruptive Ansätze müssen mehr Raum erhalten – wobei klar ist, dass die politischen Entscheidungsträger den Rahmen setzen müssen. Um die Gesellschaft zu schützen. Aber auch, um Bauherren, Planer und Ausführende zu motivieren, neue Ansätze auszuprobieren.
Das Zusammenwirken von Forschung und innovativer Planung hat in unserer (beruflichen) Heimat Stuttgart eine lange Tradition. Denken wir nur an Persönlichkeiten wie Fritz Leonhardt, Frei Otto, Jörg Schlaich und Werner Sobek. Oder an Bauwerke wie den Stuttgarter Fernsehturm, das Neckarstadion, das Mercedes-Benz Museum oder den neuen Hauptbahnhof. Diese Tradition gilt es fortzuführen und mit einem systemischen Charakter zu versehen. Zwei wichtige Initiativen unterstützen diese Vision: Der Strategiedialog „Bezahlbares Wohnen und Innovatives Bauen“ des Landes Baden-Württemberg, der seit 2023 den strategischen Austausch aller maßgeblichen Akteure fördert. Und das neue Bundesforschungszentrum für klimaneutrales und ressourceneffizientes Bauen. Dieses wird über drei Landeszentralen (in Stuttgart, Dresden und Weimar) verfügen und seine Arbeit Ende 2026 aufnehmen – mit dem Ziel, den Transfer innovativer wissenschaftlicher Ideen in die Praxis zu beschleunigen.
Das von einem der beiden Autoren geleitete ILEK (Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren) der Universität Stuttgart ist in beide Initiativen stark involviert – kein Wunder angesichts der jahrzehntealten Verankerung des Instituts im Bereich des Leichtbaus, der Ressourceneffizienz und der Suffizienzstrategien. Die Forschungen des ILEK zielen auf eine drastische Minimierung des ökologischen Fußabdrucks unserer gebauten Umwelt. Es geht hierbei um eine radikale Reduzierung unseres Ressourcenverbrauchs. Vor diesem Hintergrund gewinnen der Umbau und die Nachverdichtung von Bestand stark an Bedeutung, denn: Umbauen und Modernisieren erzeugen in der Regel einen deutlich besseren ökologischen Fußabdruck als Abriss und Neubau. Ideal ist es, wenn aufgrund guter Planung einzelne Bereiche wie die Fassade oder die TGA minimalinvasiv modernisiert werden können, ohne das gesamte Gebäude entmieten zu müssen.
Neben den Technologien dürfen wir aber natürlich auch die Werkstoffe nicht aus den Augen verlieren. Mineralische Werkstoffe sind weltweit das am häufigsten verwendetes Baumaterial. Hierauf liegt deshalb auch das Hauptaugenmerk unserer Forschungen im Bereich der Materialien. Eine Minimierung der Masse durch Topologie-Optimierung und Gradierung in Kombination mit digitalen Planungs- und Fertigungsmethoden bietet dabei die besten Erfolgsaussichten. Erste gebaute Beispiele belegen dies eindrücklich. Ebenfalls untersucht werden interessante Ansätze wie mineralische Bewehrungen aus Basalt oder biobasierte Bindemittel. Hinzu kommen adaptive Strukturen – diese erlauben es, die Masse des Tragwerks um 50 % zu reduzieren und die Nutzungsdauer bestehender Tragwerke zu verlängern (z. B. im Brückenbau). Hydroaktive Textilfassaden können Regenwasser aufnehmen und zu einer gezielten Abkühlung der Umgebung beitragen. Und biobasierte Materialien wie Kork und wiederverwendetes Holz kommen als nachhaltige Alternativen zu herkömmlichen Wärmedämmverbundsystemen in Frage.
Dies sind nur einige wenige Beispiele für disruptive, interdisziplinäre Ansätze aus der Forschung. Es gibt zahlreiche andere Ansätze, die für die Erreichung der Klimaziele im Bauwesen relevant sein können. Wir brauchen einen experimentellen Rahmen, der den Transfer sowie die Gründung von Start-ups unterstützt, um diese Lösungen schneller in die Praxis zu integrieren. Wir brauchen aber auch eine ganzheitliche Betrachtung, bei der Nachhaltigkeitsstrategien integraler Bestandteil der ersten Entscheidungen werden. Dabei sollten wir den Fokus auf das Wesentliche setzen: Reduktion der Verwendung primärer Ressourcen und des erzeugten Abfalls sowie Erreichung der Klimaneutralität beim Bau und Betrieb. Wenn wir all dies beherzigen, stehen die entsprechenden ökologischen und ökonomischen Ziele nicht länger im Widerspruch zueinander. Sie führen vielmehr zusammen zu nachhaltigem Wohlstand für alle.
Dr.-Ing. Stefanie Weidner, Vorständin der Werner Sobek AG, Stuttgart
Stefanie Weidner ist promovierte Architektin mit dem Schwerpunkt Nachhaltigkeitsstrategien. Seit Sommer 2024 ist sie Vorständin der Werner Sobek AG. Vorher leitete sie bereits das Kopenhagener Büro des Unternehmens. Sie ist außerdem DGNB Consultant und ehrenamtliche Beirätin des Start-up-Unternehmens Optocycle. Schwerpunkt ihrer Promotion am ILEK der Universität Stuttgart war die Frage, wie das Verhältnis von urbaner Dichte und Nachhaltigkeit in der Planungsphase „0“ optimiert werden kann.
Prof. Dr.-Ing. M.Arch. Lucio Blandini, Vorsitzender des Wissenschaftlichen Beirats der Werner Sobek AG und CEO von Werner Sobek New York; Professor an der Universität Stuttgart und Leiter des ILEK
Lucio Blandini studierte an den Universitäten von Catania und Bologna konstruktiven Ingenieurbau, bevor er am Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren (ILEK) der Universität Stuttgart über Schalentragwerke aus Glas promovierte. In diesem Rahmen entwickelte und baute er den Prototyp der Stuttgarter Schale. Nach einem Master-Studium der Architektur an der University of Pennsylvania Philadelphia und an der Architectural Association in London trat er eine Stelle als Projektleiter bei der Werner Sobek AG an. Seit 2012 ist er Prokurist, seit 2018 auch Partner des Unternehmens. Seit April 2020 ist er als ordentlicher Professor für die Leitung des ILEK verantwortlich. Zu seinen wichtigsten Projekten bei Werner Sobek zählen das Ferrari-Museum in Modena, die Sonderfassaden der Japan Post Tower in Tokio, das Etihad Museum in Dubai, das Haus der Europäischen Geschichte in Brüssel und das Terminal 2 des Kuwait International Airport.

2. Univ.- Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher
Inhaberin des Lehrstuhls für Städtebau und Entwerfen und Direktorin des Instituts für Städtebau und Europäische Urbanistik an der Fakultät für Architektur der RWTH Aachen University
Foto: © Peter Winandy
»Suffizienz« – ein altes neues Prinzip des (Um)Bauens und der Stadtentwicklung
Nach Murphys Gesetz geht schief, was schief gehen kann. Aber in dem Fall des nachhaltigen Planen und Bauens sind die Bedingungen etwas komplexer – das Resultat ist, dass die seit einem halben Jahrhundert bekannten Herausforderungen entweder zu wenig angegangen oder zu langsam umgesetzt werden.
Die suffiziente Stadt – ein altes neues Thema
Vor mehr als einem halben Jahrhundert, also im Jahre 1970, hat Michel Ragon in seinem Buch „Stadt der Zukunft“ eine Frage gestellt, die uns heute mehr und mehr beschäftigt: Wo und wie leben wir morgen? Jedoch hat die Utopie einer Stadt der Zukunft, welche Mensch, Umwelt und Technik gleichermaßen adressiert, wenig Einzug in unser Handeln gefunden
Auch technische Visionen und Ideen, wie der enorme Energieverbrauch und die Umweltbelastungen in den Griff zu bekommen sind, gibt es mindestens seit den 1960er Jahren, als die Idee einer riesigen, geodätischen Glaskuppel in New York von dem Architekten und Ingenieur Buckminster Fuller zusammen mit dem Architekten Shoji Sadao Gestalt annahm. Die Idee war, so eine effizientere Stadt zu kreieren, mit niedrigen Kosten für das Kühlen im Sommer, das Heizen im Winter und niedrigerer Luftverschmutzung. Schon die eingesparten Kosten bei der Schneeräumung würden die Kosten in 10 Jahren wieder reinholen, so die Annahme von Fuller.
Und im Jahre 1972 haben dann Dennis Meadow u.a. Mitglieder des Club of Rome ihre Studie „Grenzen des Wachstums“ veröffentlicht und erste Ideen entwickelt, wie ein geringerer Ressourcenverbrauch jenseits einer effizienteren Technik umgesetzt werden kann. Mit ihren Fragen haben sie eine weltweite Diskussion aufgerufen, die bisher von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft unbeantwortet geblieben ist. Eine verlorene Zeit?
Der Begriff „Suffizienz“ ist sehr alt und wurde bereits im Mittelalter bei Diskussionen um das Maßhalten benutzt, jedoch seine heutige Bedeutung im Nachhaltigkeits- und Umweltkontext ist relativ neu. Er adressiert eine Lebens- und Wirtschaftsweise, die auf das ökologische und soziale Maß im Sinne der Bedarfs- und Konsumerzeugung abzielt.
Es geht dabei nicht um den erzwungenen oder verordneten Verzicht, sondern um eine bewusste Begrenzung zugunsten von Lebensqualität und Umwelt.
Vom „Nehmen, Herstellen und Verschwenden“ im Bausektor
Trotz der seit Jahrzehnten andauernden Klima- und Nachhaltigkeitsdiskussion haben die Zerstörung von Natur und die Veränderung des Klimasystems zugenommen. Die Klimakrise hat sich – spätestens seit den wiederholt auftretenden Flutkatastrophen im Sommer 2021 – auch in unserer unmittelbaren Nachbarschaft mit voller Wucht gezeigt. Das ist nicht zuletzt eine Aufforderung, nach Lösungen und Strategien zu suchen, wie wir unsere Umwelt suffizient und resilient gestalten können.
Dabei ist der Bau- und Gebäudesektor wesentlich für den Klimawandel verantwortlich, manche sprechen sogar davon, dass Gebäude „Klimasünder“ sind. In der Tat agiert der Bausektor bisher weitestgehend mit dem linearen Wirtschaftsmodell „Nehmen, Herstellen und Verschwenden“. Deshalb ist es gar nicht verwunderlich, dass wir Unmengen an Land und Rohstoffen verbrauchen. Der Bausektor verantwortet ca. 40 % der CO2-Emissionen und ca. 60 % des globalen Abfallaufkommens. Ein nachhaltiges Handeln bedeutet aber, die Ressourcen so zu nutzen, dass sie sich regenerieren können und künftige Generationen nicht belastet werden. Vor diesem Hintergrund gilt es heute mehr denn je, der Umnutzung und der Sanierung von Gebäuden Vorfahrt vor dem Abriss einzuräumen. Der Gebäudebestand stellt eine wichtige graue Energie dar, die es zu aktivieren gilt.
Hier setzt die Suffizienz als Prinzip der Genügsamkeit, des richtigen Maßes und der Angemessenheit an. Suffizienz gilt – neben Effizienz und Konsistenz – als dritte Säule im Transformationsprozess hin zu einer postfossilen Gesellschaft, die nicht mehr auf fossile Energieträger angewiesen ist, sondern auf erneuerbaren Energien und nachhaltigen Ressourcen basiert.
Während sich Effizienz auf eine ergiebige Nutzung von Material und Energie richtet und Konsistenz durch den Ausbau erneuerbarer Energien und den Aufbau einer Kreislaufwirtschaft einen Wandel der Produktion anstrebt, zielt Suffizienz direkt auf die absolute Verringerung des Energie- und Ressourcenverbrauchs und richtet den Fokus vor allem auf Verhaltensänderungen und gesellschaftliche Leitbilder.
Wie aber kann diese Reduktion des Verbrauchs gelingen? Indem wir beim (Um)Bauen Abfälle vermeiden, Materialen wiederverwenden oder einfach Räume so flexibel gestalten, dass sie auch sich verändernden Nutzungen gerecht werden, leisten wir einen wichtigen Beitrag zu einer suffizienteren Stadt.
Es ist dennoch erstaunlich und zugleich verständlich, dass Fortschrittserzählungen, die auf technologische Innovation setzen, vielfach einen stärkeren Anklang finden als wachstumskritische Perspektiven. Das Vertrauen in Technofixe, also dass es für jedes Problem eine technische Lösung gibt, wird jedoch überschätzt.
Dies wird in der Stadtentwicklung im Bereich der Mobilität und der verstärkt geforderten Verkehrswende deutlich. Verkehrswende meint die Trendwende zu deutlich weniger Emissionen im Verkehr und umfasst damit sowohl die „Antriebswende“, den Umstieg auf effizientere Antriebe und erneuerbare Energieträge, als auch die „Mobilitätswende“, die Verringerung der Fahrleistung im Bereich des motorisierten Individualverkehrs (MIV) und damit die Erhöhung der Fahrgastzahlen in allen öffentlichen Verkehrsmitteln.
Die Veränderungen im Fahrzeugbestand dauern jedoch sehr lange, deshalb werden wir die Klimaziele ohne die Mobilitätswende, also eine Verhaltensänderung, nicht schaffen. Mobilität ist und bleibt auch in Zukunft ein Grundbedürfnis aller Menschen. Dieses gilt es nicht nur durch das eigene Auto zu befriedigen, sondern durch entsprechende Mobilitätsangebote, welche die Erreichbarkeit gewährleisten.
Und selbst wenn wir aufgrund des technischen Fortschrittes irgendwann Autos hätten, die keine Emissionen, keinen Lärm, keine Abgase verursachen würden, es bleibt der Anspruch an Raum und die damit verbundenen Raum- und Flächenkonkurrenzen, die letzten Endes die Attraktivität von Städten ausmachen.
Suffizienz im Kontext des Mensch-Umwelt-Systems
Im Grunde genommen geht es um eine neue Balance zwischen Mensch, Natur und Technik sowie um ein Überdenken des ständigen Wachstums. Vor allem aber ist die Klimawende kein Ereignis, sondern ein Prozess. Die Idee von einem erträumten sozialen Kipppunkt, ab dem irgendwann alles von alleine passiert, ist Wunschdenken.
Und wir wissen ebenfalls, dass sich das Mensch-Umwelt-System und dessen Funktionen tiefgreifend verändern und zu einer regelrechten Umwelt-Ungerechtigkeit führen und dass Städtebau und die Stadtplanung mit einer integrierten Herangehensweise einen Beitrag dazu leisten, dass Treibhausgase und die Folgen des Klimawandels reduziert werden. Integriertes Handeln bedeutet, dass wir Gebäude und Freiräume als Bausteine eines Stoffkreislaufes ansehen müssen, was im Umkehrschluss bedeutet, dass technologische Innovationen nicht hinreichend sind, um quasi automatisch eine maßgebliche Reduzierung des Energie- und Ressourcenverbrauches zu erzielen.
Übertragen wir das Prinzip der Suffizienz auf die Stadtentwicklung, dann bedeutet dies, räumliche Strukturen zu schaffen, die Nutzungsmischung und damit kurze Wege gewährleisten, die flexibel und anpassungsfähig sind bei Veränderungsbedarfen.
So ist der Leerstand in den Innenstädten eine Folge der monofunktionalen Ausrichtung auf den Handel und damit genau das Gegenteil eines suffizienten Umgangs mit Fläche, Raum und Ressourcen. Flexibel nutzbare Gebäude und Grundrisse sind einerseits ein Schlüssel zu einer Flächenreduktion und andererseits zur Belebung von städtischen Räumen. Mit möglichst geringem Ressourceneinsatz kann also zugleich eine größtmögliche Lebensqualität geschaffen werden.
Ein vorläufiges Fazit
Der Sachverständigenrat für Umweltfragen hat kürzlich in seiner Stellungnahme noch mal kommuniziert, dass die Klimaziele ohne Suffizienz nicht erreichbar sind.
Also letztendlich gilt: Die beste Energie ist diejenige, die nicht verbraucht wird und demnach nicht erzeugt, transportiert und gespeichert werden muss.
Ein Next-Level im Städtebau und in der Stadtplanung im Sinne einer zukunftsfähigen und zukunftsfesten Stadt, lässt sich nur erreichen, wenn wir die wichtigen Prinzipien wie Suffizienz und Resilienz zusammen denken und in integrierte Zukunftsvisionen umsetzen. Und in diesem Sinne Gebäude und Stadt als Bausteine des Stoffkreislaufes begreifen, die mit weniger Ressourcen auskommen und ein Mehr an Lebensqualität erzielen. So lässt sich Murphys Gesetz doch noch außer Kraft setzen!
Univ.- Prof. Dipl.-Ing. Christa Reicher
Christa Reicher ist seit Oktober 2018 Inhaberin des Lehrstuhls für Städtebau und Entwerfen und Direktorin des Instituts für Städtebau und Europäische Urbanistik an der Fakultät für Architektur der RWTH Aachen University. Seit 2023 hat sie den UNESCO Chair „Cultural Heritage and Urbanism“ inne.
Zuvor, von 2002 bis 2018, war sie Professorin und Leiterin des Fachgebietes Städtebau, Stadtgestaltung und Bauleitplanung an der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund. Von 1998 bis 2002 hat sie als Professorin an der Hochschule Bochum Städtebau und Entwerfen unterrichtet.
Sie ist Mitglied des IBA-Expertenrates des Bundesministeriums für Wohnen, Stadtentwicklung und Bauwesen sowie Co-Vorsitzende der Kommission Nachhaltiges Bauen (KNBau) des Umweltbundesamtes.
1993 gründete sie das Planungsbüro RHA REICHER HAASE ASSOZIIERTE mit Sitz in Aachen und Dortmund, das international tätig ist.
2022 ist sie vom Verband Deutscher Architekten- und Ingenieurvereine e.V. (DAI) mit dem Großen Preis für Baukultur ausgezeichnet worden.
Zudem wirkt sie in verschiedenen Beiräten mit, u.a. Baukollegium Zürich (2010-2014), Baukollegium Berlin (2012-2017), Beirat der Seestadt Aspern Wien (Vorsitzende 2014 – 2021), Beirat für Baukultur der Landeshauptstadt Düsseldorf (Vorsitzende seit 2019), Gestaltungsbeirat der Landeshauptstadt Stuttgart (Vorsitzende seit 2025).

3. Tobias Wiesenkämper
Dipl.-Ing., Geschäftsführer, Ripkens Wiesenkämper Ingenieure GmbH, Essen
Foto: © virtua ethic
Nicht immer mehr ermöglichen, sondern das Richtige weglassen
Der Suffizienz-Gedanke aus Sicht der Tragwerksplanung
Suffizienz beginnt im Tragwerk
Unsere gebaute Umwelt war in den vergangenen Jahrzehnten oft von einem Grundimpuls geprägt: mehr Fläche, mehr Technik, mehr Material und vermeintlich mehr Sicherheit. Doch echte Qualität entsteht nicht durch Addition, sondern durch Präzision. Auch die Baubranche beginnt langsam, dies zu verstehen.
Gerade in der Tragwerksplanung entscheidet sich früh, ob ein Gebäude ressourcenschonend und dauerhaft tragfähig sein wird, ökologisch wie sozial. Spannweiten, Auskragungen oder Bauteilschichten haben direkte Auswirkungen auf Materialverbrauch, graue Energie und Baukosten. Gleichzeitig beeinflussen Konstruktion und Bauphysik maßgeblich das Raumklima, die Behaglichkeit und die langfristige Nutzungsflexibilität.
„Weniger“ ist hier kein ästhetisches Statement, sondern eine konstruktive Haltung. Es bedeutet klare Lastabtragung statt statischer Komplexität, robuste Details statt technischer Übersteuerung und materialgerechte Konstruktionen statt Materialmix um jeden Preis.
Gerade im Holzbau zeigt sich, wie viel Potenzial in intelligentem Reduzieren liegt. Richtig gedacht ermöglicht Holz leichte und effiziente Tragwerke mit hoher Vorfertigung, geringeren Fundamentlasten und einem gesunden Raumklima.



Visualisierungen: Projekt Deilegrund
Urheber: loomn Architekturkommunikation
Förderzentrum und Straßenverkehrsamt in Viersen
Beim Projekt Viersen stand nicht die Maximierung der Fläche im Vordergrund, sondern eine einfache Frage: Welche Räume werden tatsächlich benötigt – und wie können sie mehrfach genutzt werden?
Durch eine kompakte Gebäudestruktur, klare Raster und eine effiziente Tragwerkslogik konnten Verkehrsflächen reduziert und Nutzflächen sinnvoll organisiert werden. Das Tragwerk folgt einer einfachen, wiederholbaren Systematik. Weniger konstruktive Sonderlösungen bedeuten hier geringeren Materialeinsatz, reduzierte Schnittstellen und eine höhere Ausführungsqualität.
Holz als tragendes Element sorgt in Viersen nicht nur für eine gute CO₂-Bilanz, sondern auch für eine warme, lernfördernde Atmosphäre. Die Konstruktion bleibt sichtbar und ehrlich – sie erklärt sich selbst. Technik wird nur dort eingesetzt, wo sie tatsächlich einen Mehrwert bringt.
Das Ergebnis ist kein Verzicht, sondern ein Gebäude mit hoher Aufenthaltsqualität, klarer Orientierung und langfristiger Robustheit.
Weniger Fläche, mehr Qualität
Weniger Material, mehr Wirkung
Das navou-Sanierungssystem
Auch beim Sanierungssystem des Start-ups navou wird der Gedanke „mit weniger mehr bauen“ konsequent umgesetzt. Ziel ist es, leerstehende Bestandsimmobilien in Innenstadtlagen seriell zu sanieren und so nachhaltigen, langfristig bezahlbaren Wohnraum zu schaffen.
Der Ansatz folgt einer klaren Logik: Statt Abriss und Neubau wird die bestehende Gebäudehülle erhalten und das Gebäude im Inneren neu gedacht. Nach dem Rückbau bis auf die äußere Struktur wird ein modular aufgebautes, kreislauffähiges Holztragwerk eingesetzt, das auf einem standardisierten Raster basiert und industriell vorgefertigt wird.
Das Rastertragwerk reagiert präzise auf die tatsächlichen Lasten und bleibt gleichzeitig flexibel genug, um unterschiedliche Bestandsbedingungen aufzunehmen. Optimierte Querschnitte, wiederholbare Elemente und materialgerechte Fügungen reduzieren den Materialeinsatz deutlich.
Durch serielle Vorfertigung und optimierte Montage lassen sich Bauzeit, Kosten und Fehleranfälligkeit erheblich reduzieren. Gleichzeitig zeigt sich auch ökologisch die Wirkung dieses Ansatzes: Der hohe Holzanteil und der reduzierte Einsatz energieintensiver Baustoffe ermöglichen erhebliche CO₂-Einsparungen gegenüber konventionellen Massivrohbauweisen.
Ein weiterer Baustein ist die digitale Prozesskette – von der Bestandserfassung mittels 3D-Laserscan über ein BIM-basiertes Referenzmodell bis hin zum As-Built-Modell nach der Ausführung. So lassen sich Planung, Abstimmung und spätere Nutzung präziser steuern und Planungsrisiken früh reduzieren.
Weniger Material bedeutet hier nicht weniger Stabilität, sondern eine effizientere Nutzung vorhandener Ressourcen, kürzere Bauzeiten und geringere Kosten – bei gleichzeitig hoher Aufenthaltsqualität.
In der öffentlichen Debatte wird Reduktion oft mit Einschränkung gleichgesetzt. In der Planungspraxis zeigt sich jedoch das Gegenteil: Ein kompakter Baukörper spart Energie und schafft räumliche Nähe. Ein einfaches Tragwerk spart Material und erhöht die Dauerhaftigkeit. Weniger Technik reduziert Wartung und steigert die Robustheit.
Suffizienz bedeutet nicht, weniger Lebensqualität zu akzeptieren. Sie bedeutet, Qualität neu zu definieren: Angemessenheit statt Überfluss. Als Tragwerksplaner sehe ich unsere Verantwortung darin, Gebäude zu entwickeln, die nicht nur rechnerisch sicher sind, sondern langfristig tragfähig – ökologisch, wirtschaftlich und sozial.
„Mit weniger mehr bauen“ heißt für mich, Konstruktionen zu realisieren, die sich selbst erklären und Materialien so einzusetzen, wie es ihrer Natur entspricht. So entstehen Gebäude, die auch nach fünfzig Jahren noch funktionieren.
Vielleicht liegt genau darin die eigentliche Zukunftsfähigkeit unserer Disziplin: nicht immer mehr zu ermöglichen, sondern das Richtige wegzulassen.
Suffizienz ist kein Verzicht, sondern Haltung
Tobias Wiesenkämper ist Diplom-Ingenieur, Beratender Ingenieur und Geschäftsführer von Ripkens Wiesenkämper Ingenieure GmbH in Essen. Das Büro ist spezialisiert auf Tragwerksplanung und Bauphysik mit einem besonderen Fokus auf Holzbau, ressourcenschonende Konstruktionen und nachhaltige Bauweisen. Nach einer handwerklichen Ausbildung im Tischlerhandwerk und seinem Studium des Bauingenieurwesens an der Universität Duisburg-Essen war er in verschiedenen Ingenieurbüros tätig, bevor er seit 2012 in leitender Funktion und heute als Geschäftsführer bei Ripkens Wiesenkämper arbeitet. Seine Projekte – darunter anspruchsvolle Holzhochhäuser, große Spannweiten und hybride Tragwerke – zeigen seine besondere Expertise im innovativen Ingenieurholzbau. Neben seiner Planungstätigkeit engagiert er sich in der Lehre und Weiterbildung, insbesondere im Bereich Holzbau und Bemessung, und bringt seine Expertise in Forschungsprojekte ein. Mit zahlreichen Fachveröffentlichungen und Vorträgen trägt er aktiv zur Weiterentwicklung des Holzbaus und nachhaltiger Tragwerkskonzepte bei.

4. Jutta Albus
Prof. Dr.-Ing. Architektin BDA, Professorin für Entwerfen und Konstruieren. Nachhaltiges Bauen, Hochschule Bochum
Foto: © Nikolas Golsch
Weniger ist mehr, wie wenig ist genug?
Die Frage, wie sich mit weniger mehr erreichen lässt, ist im Bauwesen und in der Architektur weit mehr als eine technische oder wirtschaftliche Überlegung – sie beschreibt eine grundlegende Haltung. Im Mittelpunkt steht dabei für mich der bewusste Umgang mit dem Vorhandenen. Er fordert dazu auf, etablierte Planungs- und Arbeitsweisen zu hinterfragen und andere Denkansätze zu entwickeln.
Der daraus entstehende Diskurs ist keineswegs neu: In Zeiten wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Umbrüche tritt er immer wieder als zentrale Herausforderung hervor. Gerade dann rücken der kritische Umgang mit dem Bestand und Strategien in den Fokus, die vorhandene Ressourcen wertschätzen und weiterdenken. In diesem Spannungsfeld liegt die Chance, aktuelle Entwicklungen so zu gestalten, dass sie zu einer langfristig nachhaltigen und resilienten Baukultur beitragen.
Die Frage “Weniger ist mehr, wie wenig ist genug?” soll dazu auffordern, Suffizienz als zentrale Strategie im nachhaltiges Bauen stärker zu verankern, ohne dabei das Wesentliche aus dem Blick zu verlieren: die architektonische Qualität einer Bauaufgabe. Ziel ist es, Ressourcenverbrauch und Energieeinsatz nicht allein durch technische Effizienz zu reduzieren. Vielmehr geht es darum, grundsätzlich zu hinterfragen, was und wie wir bauen.
Im BDA-Montagsgespräch “more home, less house” im Dezember vergangenen Jahres diskutierten wir gemeinsam mit unterschiedlichen AkteurInnen über Standards im Wohnungsbau. Planende sowie VertreterInnen der Wohnungswirtschaft beleuchteten die heute im Bauwesen – insbesondere im Wohnungsbau – geltenden normativen und rechtlichen Anforderungen aus ihrer jeweiligen Perspektive. Deutlich wurde dabei, dass die aus der Vielzahl an Vorgaben entstehende Komplexität heutiger Bauaufgaben sowohl organisatorisch als auch finanziell zunehmend schwer beherrschbar erscheint.
Um die Qualität des Gebauten unter diesen Bedingungen dennoch realistisch und umsetzbar zuhalten, wurde der Suffizienzgedanke exemplarisch an zwei Genossenschaftsprojekten in Münster und Aachen untersucht. In Münster wurde bewusst auf zusätzliche private Flächen verzichtet, zugunsten gemeinschaftlich nutzbarer Bereiche, die den sozialen Austausch und kollektiven Gedanken in den Vordergrund stellen. In Aachen wiederum wurde auf das Kellergeschoss verzichtet, wodurch alternative Grundrisslösungen und neue Formen der Flächenorganisation entwickelt werden mussten.
Initiativen und Foren wie der Hamburg-Standard unterstützen diese Tendenzen zur Vereinfachung. Sie zielen darauf ab, Reduktion und Klarheit in ein zunehmend komplexes Geflecht aus Vorschriften und Normen zu bringen und praktikable Lösungen zu formulieren. Gerade im sozialen Wohnungsbau wirken sich die hohen Anforderungen unmittelbar auf die Kosten pro Quadrameter aus – und lassen bezahlbaren Wohnraum zunehmend schwerer realisierbar erscheinen. Die Diskussion um Suffizienz eröffnet hier die Möglichkeit, Qualität, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit neu auszubalancieren.
Im weiteren architektonischen Kontext bedeutet dies, vorhandene Strukturen als wertvolle Ressource zu begreifen und den Umgang mit dem Bestand stärker in den Mittelpunkt zu rücken. Der Erhalt, die Weiterentwicklung und die Umnutzung bestehender Gebäude stellen zentrale Strategien dar, um graue Energie zu bewahren und Ressourcen zu schonen.
In Forschung und Praxis haben wir verschiedene Ebenen der Um- und Weiternutzung untersucht und die Ergebnisse im aktuellen Kontext von Planung und Bautätigkeit eingeordnet. Die Projekte zeigen eine Bandbreite möglicher Ansätze, die sich über unterschiedliche Maßstabsebenen hinweg mit vergleichbaren Zielsetzungen darstellen. Sie reichen von den Qualitäten der Großtafelbauten – etwa in Bezug auf ihre Grundrissstrukturen und Anpassungspotenziale in Erschließungsbereichen und Außenräumen – über punktuelle konstruktive Ertüchtigungen der Gebäudehülle und die Integration regenerativer Energien im mehrgeschossigen Wohnungsbau bis hin zu kleineren Interventionen. So kann beispielsweise die Nachnutzung von Kirchenräumen durch das Einfügen neuer Raumstrukturen in Holzbauweise trotz minimalinvasiver Eingriffe eine hohe architektonische Qualität erreichen.
Diese Beispiele verdeutlichen, dass bereits kleine, gezielte Maßnahmen im Bestand neue Spielräume eröffnen können – sowohl im Hinblick auf Ressourcenschonung als auch auf die räumliche und funktionale Weiterentwicklung von Gebäuden. Voraussetzung hierfür sind jedoch robuste und zugleich einfache architektonische Prinzipien, die eine langfristige Anpassungsfähigkeit und Nutzbarkeit ermöglichen.



Klimapavillon
Foto: © Thilo Rohländer

Eng mit dem Suffizienzgedanken verbunden ist für mich die Entwicklung robuster architektonischer Prinzipien, die eine langfristige Nutzbarkeit von Gebäuden untersützen. Dauerhafte Konstruktionen, einfache und nachvollziehbare Bauteilaufbauten sowie möglichst unkomplizierte und gegebenenfalls standardisierte Verbindungen tragen dazu bei, Gebäude anpassungsfähig und reparierbar zu machen. Solche Ansätze unterstützen eine Bauweise, die auf Langlebigkeit, Wartungsfreundlichkeit und Transformationsfähigkeit ausgerichtet ist. Einen solchen Ansatz verfolgt auch das Projekt des Klimapavillons im Rahmen der IGA Schwerte, das aus der Kooperation von NEW Architekten BDA und unserem Büro entstanden ist. Das Entwurfskonzept basiert auf der konsequenten Umsetzung ökologischer und ökonomischer Prinzipien. Die robuste Holzkonstruktion, die Verwendung von Kalamitätsholz für die Fassade sowie passive Maßnahmen füreinen energiearmen Gebäudebetrieb wurden dabei vor dem Hintergrund eines engen Kostenbudgets entwickelt.
Als öffentliches Haus versteht sich der Pavillon zugleich als Aufenthalts- und Begegnungsort für die Besucherinnen und Besucher der IGA. Die Bedürfnisse von Nutzerinnen und Nutzern spielen daher eine zentrale rolle, um eine hohe Akzeptanz langfristige Nutzung zu ermöglichen. Nachhaltige Architektur entsteht letztlich im Zusammenspiel funktionaler, technischer und gestalterischer Qualitäten. Eine hohe architektonische Qualität kann dabei auch einen baukulturellen Mehrwert schaffen und die Identifikation mit dem Gebauten stärken, was wiederum seine langfristige Nutzung begünstigt.
Die Herausforderungen des Bauens im Kontext von Klimawandel und Ressourcenknappheit verlangen nach einem erweiterten Verständnis architektonischer Praxis. Gefragt sind Strategien, die ökologische, ökonomische und gesellschaftliche Anforderungen gleichermaßen berücksichtigen und dabei den langfristigen Wert des Gebauten in den Mittelpunkt stellen. Architektur wird damit zu einer Disziplin, die nicht allein technische Lösungen hervorbringt, sondern räumliche und kulturelle Qualitäten schafft, die eine dauerhafte Nutzung ermöglichen.

Vor diesem Hintergrund gewinnt der differenzierte Umgang mit dem Bestand zunehmend an Bedeutung. Die Entscheidung zwischen Erhalt, Transformation und Neubau erfordert eine sorgfältige Abwägung der jeweiligen Rahmenbedingungen. Gerade in der Weiterentwicklung vorhandener Strukturen liegt jedoch ein erhebliches Potenzial, Ressourcen zu schonen und bestehende Qualitäten weiterzudenken.
Eine solche Herangehensweise setzt ein vertieftes Verständnis des jeweiligen Kontextes voraus – vom einzelnen Gebäude über sein unmittelbares Umfeld bis hin zum städtebaulichen Zusammenhang. Werden diese Maßstabsebenen zusammengedacht, entstehen Lösungen, die funktionale Anforderungen mit räumlichen und sozialen Qualitäten verbinden und so zu lebenswerten Umgebungen beitragen.
So führt die Frage nach der Zukunft des Bauens letztlich zurück zu einer grundlegenden Haltung: Wie viel braucht es wirklich, um gute Architektur zu schaffen? Vielleicht liegt die zentrale Aufgabe heute weniger im stetigen Neuerschaffen, sondern vielmehr darin, das Vorhandene präzise weiterzudenken und mit möglichst einfachen Mitteln neue Qualitäten zu entwickeln. In diesem Sinne stellt sich die Frage immer wieder neu: Wenn weniger tatsächlich mehr sein kann – wie wenig ist dann genug?
Jutta Albus ist Professorin für das Fachgebiet „Entwerfen und Konstruieren. Nachhaltiges Bauen“ an der Hochschule Bochum. Zuvor war sie Juniorprofessorin an der Fakultät für Architektur und Bauingenieurwesen der TU Dortmund. In Forschung und Lehre beschäftigt sie sich mit nachhaltigem Bauen und Ressourceneffizienz in Architektur und Bautechnik. Ein wesentlicher Schwerpunkt der Professur liegt auf der Entwicklung von Strategien, die eine höhere Nachhaltigkeit der gebauten Umwelt mit einer hohen Qualität des architektonischen Entwurfs verbinden.
Ihre aktuelle Arbeit konzentriert sich auf den Lebenszyklus und die Kreislauffähigkeit
von Gebäuden und Bauteilen, minimalinvasiven Nachnutzungskonzepten für
Bestandsbauten sowie den Einsatz digitaler Werkzeuge und automatisierter
Herstellungsverfahren im Planungs- und Bauprozess. Ausgangspunkt dieser
Entwicklungen ist die Einbindung passiver Planungskonzepte in den Entwurf.
Vor ihrer akademischen Laufbahn arbeitete sie international für Goshow Architects in
New York, Hamilton Associates in London und Santiago Calatrava LLC in Zürich und
New York. Dort war sie an zahlreichen bedeutenden Projekten beteiligt, darunter dem World Trade Center Transportation Hub in New York, dem Chicago Spire in Chicago und der Citta dello Sport in Rom.
Neben ihrer praktischen und wissenschaftlichen Tätigkeit veröffentlicht Jutta Albus
regelmäßig Beiträge in Fachzeitschriften und Konferenzbänden und hält Vorträge bei
internationalen architektonischen Institutionen. Sie lebt und arbeitet in Leverkusen und Köln.
