Weniger ist mehr

TEIL 2/5 mit
Andreas Mendler, Verena Brehm, Frank Christian Hinrichs & Sebastian Nödl

In unserer aktuellen fünfteiligen KAP-Newsletterfolge widmen wir uns dem Suffizienzgedanken in Architektur, Stadt- und Landschaftsbau – der Idee, mit weniger Fläche, Material und Technik mehr Lebensqualität zu schaffen. Wir wollen zeigen, warum kluges Reduzieren kein Verzicht ist, sondern der Schlüssel zu nachhaltigem, sozialem und zukunftsfähigem Bauen.

Es kommen Köpfe aus ganz unterschiedlichen Bereichen zu Wort – aus Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, Wirtschaft und Wissenschaft. Ihre Perspektiven zeichnen gemeinsam ein vielschichtiges Bild davon, was Suffizienz heute bedeutet und wie „Weniger ist mehr“ konkret werden kann.

»Lasst uns aus dem Suffizienzgedanke heraus eine neue Architektursprache entwickeln,« so der ehemalige Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums Andreas Ruby. »Lasst uns Bauten gestalten, die auf tatsächlich vorhandene Bedürfnisse reagieren. Lasst uns fragen, wie viel genug ist. Baukünstlerisch kann es ein großer Gewinn sein, Selbstsuffizienz zu üben.« (aus: Der lange Weg zur Suffizienzkultur | Elias Baumgarten | 6.02.2026 | Swiss-Architects.com)

Und: »Suffizienz ist keine Romantisierung der Bescheidenheit. Sie ist die realistischste Antwort auf eine Krise, die wir uns selbst gebaut haben – wörtlich. Das Zuhause der Zukunft hat vier Koordinaten: bezahlbar, ökologisch, gemeinschaftlich, ästhetisch. Es braucht neue Narrative und mutiges Handeln. Wir müssen aufhören zu labern – und anpacken!« so Nathanael Over in seinem Beitrag für’s KAP-Forum.

Unser Engagement gilt der Zukunft des Bauens!

Das Redaktionsteam

Gerhard G. Feldmeyer
Architekt, Climate Responsible Strategies, Botschafter Madaster Foundation
Andreas Grosz
Initiator und Leiter KAP Forum für Architektur & Stadtentwicklung
Tobias Groß
Partner+Gestalter KAP Forum, Gründer und Leiter Studio für Gestaltung, Köln

Die Autor:innen

Andreas Kipar | Stefanie Weidner | Lucio Blandini | Christa Reicher | Lorenz Nagel | Karin Loosen | Nathanael Over | Timm Sassen | Sebastian Nödl | Jutta Albus | Tobias Wiesenkämper | Stefan Forster | Andreas Mendler | Frank Christian Hinrichs | Gerhard Feldmeyer | Verena Brehm | Gerhard Lüdtke | Hilmar v. Lojewski 

1. Andreas Mendler
Dipl.-Ing. (FH), Geschäftsführer Mendler Ingenieur Consult GmbH
Foto: © Andreas Mendler

Weniger ist mehr: Warum wir aufhören müssen, Zoos auf unsere Gebäude zu bauen

Es ist Montagmorgen auf einer Baustelle am Rande von München. Der Kran hievt eine Bewehrungsmatte nach der anderen in die Schalung einer herkömmlichen Geschossdecke. Tonnen von Stahl, Kilometer von Stäben. Ich stehe daneben, den Bauplan in der Hand, und spüre diesen vertrauten, leisen Schmerz in der Magengegend. Als Tragwerksplaner bin ich eigentlich dafür verantwortlich, dass diese Konstruktion hält. Doch in diesem Moment sehe ich nicht nur statische Sicherheit. Ich sehe eine gigantische Verschwendung von Ressourcen, die wir uns schlicht nicht mehr leisten können, weil diese Materialien nicht unbegrenzt verfügbar sind.

Wir Planer haben uns über Jahrzehnte in einen Sicherheits-Rausch hineingesteigert. Wir bauen Festungen, wo Wohnhäuser reichen würden. Wir gießen Ozeane aus Beton, um Eventualitäten abzusichern, die statistisch gesehen nie eintreten werden. Es ist Zeit für eine radikale Umkehr. Es ist Zeit für das Prinzip der Suffizienz.

Suffizienz ist neben Effizienz und Konsistenz eines der drei Nachhaltigkeitsprinzipien und zugleich das unbequeme. Während Effizienz fragt, wie wir etwas mit weniger Ressourcen und Aufwand herstellen, und Konsistenz fragt, womit, stellt Suffizienz die radikalere Frage: Brauchen wir das überhaupt?

Suffizienz im Bauwesen bedeutet nicht, dass wir in dunklen, kalten Höhlen leben müssen. Es bedeutet, die Bedürfnisse selbst zu hinterfragen. Brauchen wir den Neubau auf der grünen Wiese wirklich? Müssen Wohnungstrennwände 22 Zentimeter dick sein, nur um einen Komfortstandard zu erfüllen, der weit über dem gesunden Maß liegt? Suffizienz ist die Frage nach dem „Genug“. Und als Tragwerksplaner ist sie für mich die ehrlichste Disziplin meines Fachs.

Die Kunst des Ausreichens

Der Mut zum Bestand: Umnutzung vor Neubau

Meine Vision beginnt lange vor dem ersten Spatenstich. Der größte CO₂-Hebel, den wir besitzen, ist die Entscheidung, nicht neu zu bauen. In unseren Städten schlummern unvorstellbare Reserven: leerstehende Büroetagen, verwaiste Dachböden, ungenutzte Industriehallen.

Die Strategie der Zukunft muss lauten: Umnutzung vor Neubau. Wir müssen den Bestand nicht als lästiges Hindernis begreifen, sondern als wertvolles Depot aus grauer Energie. Wenn wir ein altes Bürogebäude in Wohnraum verwandeln, aktivieren wir Flächen bei minimalem Ressourceneinsatz. Das ist Suffizienz in ihrer reinsten Form: Nutzen, was schon da ist, statt die nächste Betonmaschine anzuwerfen.

Bis zu 70% der grauen Emissionen stecken in der Konstruktion, also im Tragwerk. Wenn wir doch bauen, dann müssen wir das Tragwerk radikal vereinfachen. Es ist absurd: Wir bauen heute Wohnungstrennwände mit 22 Zentimetern Dicke, weil die DIN 4109-5 einen „erhöhten Schallschutz“ suggeriert, den der Nutzer oft gar nicht braucht. Ein normaler Schallschutz nach DIN 4109 kommt mit 18 Zentimetern aus.

Nicht die Statik setzt uns hier die Grenzen, sondern der Schallschutz, getrieben weniger von physikalischer Notwendigkeit als von zivilrechtlicher Absicherung. Tragwerksplanerisch lassen sich 10 bis 12 Zentimeter starke Wände im Ein- wie im Mehrfamilienhausbau problemlos realisieren. Doch der Gedanke der Suffizienz findet im geltenden Regelwerk bislang kaum Raum. Wir müssen auch zurück zur Logik des „Wände-Übereinanderstellens“ und bis zur Gründung führen. In der modernen Architektur wurde es zum Sport, Lasten über komplizierte Abfangungen und riesige Unterzüge durch das Gebäude zu jonglieren. Lasten Spazierenführen sind nur Denksportaufgaben für Berufsanfänger, aber nichts für ein suffizientes Bauwerk.

Wir sollten auf Untergeschosse verzichten, wo immer es geht. Die „weiße Wanne“ im Grundwasser ist einer der größten Klimasünder unserer Branche. Der 6-er im Lotto: Kurze Spannweiten bis sechs Meter. Mattenbewehrung nur dort, wo sie wirklich gebraucht wird, im Stützbereich, nicht flächig.

Komfortstandards müssen hinterfragt werden. Der Gebäudetyp-E wird dringend gebraucht: Gebäude einfach, effizient, erstellen. Und dennoch: Die größte Hürde ist nicht die Norm, sondern unsere eigene Zurückhaltung. Die Angst, anders zu bauen als in den vergangenen Jahrzehnten, lässt viele Tragwerksplaner erstarren. Unser Denken folgt einem tief verankerten Muster: Scheitern muss um jeden Preis verhindert werden. Genau das prägt das Bauwesen. Es ist nicht nur konservativ und träge, es ist veränderungsscheu. Denn jede Abweichung vom Gewohnten könnte Konsequenzen haben, Haftung bedeuten, Geld kosten und das eigene Schaffen in Frage stellen. So sichern wir uns ab, übererfüllen Normen, bauen redundante Reserven ein und verhindern damit genau das, was wir dringend bräuchten: Fortschritt durch Vereinfachung. Dabei ist die Rechnung verblüffend einfach: Weniger Wand- und Deckenstärke bedeutet weniger Volumen, weniger Beton, weniger CO₂ – und geringere Kosten. Was zunächst nach Verzicht klingt, entpuppt sich als Gewinn.

Die Diät für das Tragwerk: Schlankheit als Qualität

Weg vom High-Tech-Wahn: Low-Tech ist die Lösung

Oft werde ich gefragt: „Andreas, brauchen wir nicht neue Super-Materialien?“ Meine Antwort überrascht viele: Wir brauchen vor allem die alten Materialien, nur klüger eingesetzt.

Nehmen wir den Lehmbau. Lehm ist ein Geschenk der Natur. Er braucht kaum Energie in der Herstellung, reguliert das Raumklima und ist vollkommen kreislauffähig, ohne gebrannt zu werden wie Zement oder Mauerwerk. Es ist der einzige Baustoff weltweit, der sich durch Zugabe von Wasser wieder in seinen Ausgangszustand zurückführen lässt.

Oder schauen wir auf den Beton: Warum verwenden wir standardmäßig C25/30, wenn für viele Bauteile ein C20/25 völlig ausreicht? Allein dieser kleine Schritt spart zehn Prozent CO₂ ein. Wir müssen aufhören, „maximal“ zu bauen und anfangen, „bedarfsgerecht“ zu planen.

Natürlich gibt es spannende Innovationen. Im Carbonbeton beginnen Mindeststärken für Wände bereits bei zwei Zentimetern. Das ist faszinierend, aber Suffizienz bedeutet auch hier: Nutze High-Tech nur dort, wo Low-Tech nicht mehr ausreicht.

Eines meiner Steckenpferde ist die unbewehrte Betonwand. Wo die Norm es zulässt, verzichte ich komplett auf Stahl. Ein Bauteil, das nur auf Druck belastet wird, braucht keine Bewehrung. Sie sind kein Experiment, sondern seit rund 70 Jahren normativ geregelt. 30% CO2-Einsparung und 35% Kosteneinsparung in Bezug auf die Wand. Sie müssen keinen einzigen Euro investieren und erhalten noch Geld zurück. Die beste Aktie am Betonmarkt. Wir müssen wieder anfangen am unteren Rand der Norm zu arbeiten, nicht an der luxuriösen Obergrenze. Das erfordert Haltung. Und Erfahrung. Und den Mut, Verantwortung zu übernehmen. Suffizienz ist weniger eine technische als eine mentale Disziplin.

Ein Plädoyer für die unbewehrte Betonwand

Für die nächsten Generationen bauen

Ein oft vergessener Aspekt der Suffizienz ist die Lebensdauer. Wir bauen heute Gebäude, die nach 20 Jahren kernsaniert oder abgerissen werden, weil die Fügungen nicht trennbar sind. Wir müssen Konstruktionen wieder auf 100 bis 150 Jahre auslegen. Das Pantheon aus unbewehrtem Beton zum Beispiel überdauert uns bereits seit 1.800 Jahren.

Das bedeutet aber auch: Reparierbarkeit vor Austausch. Reversible Verbindungen statt Alles-mit-Allem-Verkleben. Suffizienz heißt auch: Nicht ständig neu bauen müssen.

Damit dieser Wandel gelingt, müssen wir die Spielregeln in unseren Projekten ändern. Wir definieren heute peinlich genau Kostenrahmen und Termine. Warum definieren wir nicht ebenso streng ein CO₂-Budget oder ein Materialbudget pro Quadratmeter? Wenn wir Suffizienz als Projektziel festschreiben, wird sie plötzlich zum Motor für Kreativität statt zur lästigen Pflicht.

Und Suffizienz wird oft mit Verzicht gleichgesetzt. Das ist ein kommunikativer Fehler. Suffizienz ist kein Mangel, sie ist ein Qualitätsversprechen. Sie steht für Robustheit, Einfachheit und Zukunftsfähigkeit. Die größte Bremse sitzt nicht im Gesetzbuch, sondern in unseren Köpfen. Alte Gewohnheiten über Bord zu werfen, ist die eigentliche Hürde, die wir überwinden müssen.

Wie lassen sich also Gewohnheiten verändern? Eine zutiefst nichttechnische Frage, mit der wir uns als Techniker dennoch auseinandersetzen müssen. Der Weg verläuft in drei Phasen:

Initiierung, Stabilisierung und Automatisierung.

Veränderung beginnt damit, bestehende Routinen bewusst zu hinterfragen. Sie wird tragfähig, wenn neue Handlungsweisen wiederholt und bestätigt werden. Und sie ist erst dann erfolgreich, wenn das Neue zur Selbstverständlichkeit wird. Gewohnheiten ändern sich nicht durch Einsicht, sondern durch Sinn, Struktur und soziale Sicherheit.

Entscheidend dafür sind Transparenz und emotionale Botschaften. Denn Zahlen allein verändern kein Verhalten. Erst wenn rationale Argumente mit Haltung, Sinn und Überzeugung verbunden werden, lassen sich verkrustete Denkmuster überschreiben.

Der Wandel scheitert selten an fehlendem Wissen, sondern daran, dass wir es nicht wagen, anders zu handeln.

Mindset über Technik: Die psychologische Hürde

Das Fazit: Kein Zoo für jedes Bauteil

Wir stehen an einer Schwelle. Die Baubranche ist für ca. 50 Prozent der globalen CO₂-Emissionen verantwortlich. Wir können uns das „Sicherheits-Overengineering“ nicht mehr leisten. Wir müssen dabei lernen, unsere alten Denkmuster zu hinterfragen.

Um es mit einem wunderbaren Zitat der Podcasterin Ivette Wagner zu sagen, das mir seit Wochen nicht aus dem Kopf geht: „Wir müssen nicht jedes Bauteil auf die maximale Last bemessen, die ohnehin selten vorkommt, oder anders formuliert: Nicht jedes Bauteil muss einen Zoo tragen!“

Lassen wir die Elefanten aus unseren Decken. Bauen wir leichter, klüger und vor allem: weniger. Denn am Ende ist das „Genug“ nicht nur die Rettung für unser Klima, sondern auch der Beginn einer neuen, ehrlichen Architektur.

Andreas Mendler ist studierter Bauingenieur und Geschäftsführer der Mendler Ingenieur Consult GmbH, einem Büro, das sich auf Nachhaltigkeitskonzepte, Kosteneffizienz und Ressourcenschonung in der Tragwerksplanung spezialisiert hat.

Mit 19 Jahren Erfahrung als leitender Angestellter in drei renommierten Münchner Ingenieurbüros gründete er 2021 sein eigenes Unternehmen, um innovative und nachhaltige Baukonzepte konsequent in die Praxis umzusetzen.
Seine aktuellen Projekte zeigen seine große Leidenschaft für Zukunftsthemen: 3D-Druck im Bauwesen, Gebäude mit tragenden Lehmwänden, unbewehrte Betonbauweisen sowie Carbonbeton.

Mit zahlreichen Fachartikeln, u. a. in „nbau“ und „Konstruktiver Ingenieurbau“, setzt er Impulse zur Nachhaltigkeit, Kostenoptimierung und Beschleunigung von Bauprozessen. Als gefragter Speaker inspiriert er Fachpublikum regelmäßig mit praxisnahen Beispielen und Visionen für die Bauwende.

Privat lebt Andreas Mendler mit seiner Frau und Tochter im ländlichen Raum zwischen Landsberg und Ammersee.

2. Prof. Dr.-Ing. Verena Brehm
Gründungspartnerin von CITYFÖRSTER architecture + urbanism in Hannover und Professorin an der Universität Kassel.
Foto: © Simona Bednarek

Besser als Mehr! Suffizienz im Quartier
lat. sufficere – ausreichen, genügen

Suffizienz setzt auf ein Weniger statt auf Wachstum – weniger Verbrauch von Flächen, Boden, Ressourcen, Energie. Häufig wird Suffizienz mit Verzicht gleichgesetzt. Verändern wir unsere Perspektive, können wir von einem genügsamen Umgang mit Raum und Ressourcen sprechen, der unsere Lebensverhältnisse vielleicht sogar verbessert – weil Wohnen auf weniger Fläche bezahlbarer ist, weil Sharing-Modelle Gemeinschaft fördern, weil das Umsteigen vom Auto auf das Fahrrad zu gesünderen Lebensweisen beiträgt. Diese Mehrwerte oder „Co-Benefits“ (Lage/Graef 2022) von Suffizienz orientierten Lebensweisen sollten in der Kommunikation zur Notwendigkeit, rücksichtsvoller mit Ressourcen umzugehen, im Vordergrund stehen.

Anders als Effizienz (besserer Wirkungsgrad) und Konsistenz (Kreislaufführung) ist die dritte Nachhaltigkeitsstrategie Suffizienz in Architektur und Städtebau noch weniger diskutiert und in Planungen integriert. Anders als die erstgenannten stark technikbasierten, zielt die Suffizienzstrategie auf eine Veränderung „sozialer Praktiken“, also auf eine Veränderung alltäglicher Handlungs- und Lebensweisen zur Reduktion von Verbräuchen. Architekturen, Stadträume und Infrastrukturen können dafür geeignete Bedingungen schaffen.

Warum Suffizienz wichtig ist, zeigen die Zahlen: Zwischen 1992 und 2021 stieg die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland um 29 %, die Wohnfläche pro Person um 37 %, die Zahl der PKW um 31 % – bei nur 3 % Bevölkerungswachstum. Die Botschaft: Wir verbrauchen immer mehr für ungefähr gleich viele Menschen (Böcker et al. 2021).

Das Reduzieren individualisierter Ansprüche – „reduce“ – und das Teilen – „sharing“ – sind Grundprinzipien Suffizienz orientierter Lebensweisen. Gemeinschaften sind die gesellschaftliche Voraussetzung zur Umsetzung dieser Konzepte. Gemeinschaften bilden „Ökosysteme“ für ein Gelingen genügsamerer Lebensweisen, die gleichzeitig Mehrwerte für ihre Bewohnenden/Nutzenden erzeugen. Die Nachbarschaft oder „Quartiersschaft“ erscheint als Planungseinheit maßstäblich geeignet, um gemeinschaftliche Lebensweisen wie Co-Housing, Co-Working, Co-Living, Shared Mobility etc. zu fördern.

Wie also können zukunftsfähige Quartiere gebaut, umgebaut und weitergebaut werden, ohne immer mehr Flächen und Ressourcen zu verbrauchen? Wie können urbane Räume und Architekturen Suffizienz orientierte Lebensweisen unterstützen und „attraktiv“ machen?

Im Maßstab von Quartieren können Suffizienz-Maßnahmen zusammenwirken und Flächen neu aufgeteilt, besser ausgelastet und gerechter genutzt werden. Das betrifft zum Beispiel die Gestaltung der Straßenprofile: Durch ein Weniger an Flächen für den MIV / „das Auto“ bleibt mehr Raum für Rad- und Fußverkehre und für Vegetation – Maßnahmen, die gleichzeitig Habitate bilden und das Mikroklima verbessern (> Co-Benefits). Die Flächenpotentialen liegen hier u.a. in der Reduktion von Fahrspuren für Autos ermöglicht durch besseren ÖPNV und Langsamverkehr und durch weniger Stellplätze entlang von Straßen, die gestapelt in Quartiersgaragen oder Mobility Hubs untergebracht werden können.

Es können Bedarfe der Nutzerschaft besser ausbalanciert werden, wenn über die „eigene Parzelle“ hinaus geplant wird: Das Weniger an privatem Wohnraum, kann durch ein Mehr an gemeinschaftlich genutzten Räumen ausbalanciert werden. Im Quartier kann ein Ensemble von Orten und „Commons“ wie Mobilstation, Teilwerkstatt, Bib der Dinge, Gemeinschaftsgarten entstehen, das suffizienteres Alltagsleben vereinfachen und fördern kann.

Rahmenplan (Bild: CF/UC)

Nutzungskonzept Mobility-Hub (Bild: CF/UC)

Über eine interdisziplinäre Kooperation hinaus brauchen diese Projekte „Rückendeckung“ durch Verwaltung und Politik. Ämter übergreifende Abstimmungen erleichtern das Finden bedarfsgerechter Lösungen statt Maximalforderung je Ressort (u.a. Stellplatzschlüssel) oder die Umwidmung oder Multicodierung von Flächen (z.B. Verkehrsfläche wird Stadtplatz/ Vegetations-/ Versickerungsfläche/ Baufeld).

Die Integration von Suffizienz-Strategien in der Quartiersplanung erfordert dementsprechend einen interdisziplinären Planungsansatz, bei dem Freiraum, Gebäude, Mobilität zusammengedacht und entworfen werden.

Blau-grüne Fuge am Stadtspeicher (Bild: CF/UC)

Hafenband am Ballastkaispeicher (Bild: CF/UC)

Es sollte allen klar sein, warum „anders“ auch „besser“ ist.

Eine politische Agenda zur Planung von Suffizienzquartieren beschleunigt Planungsprozesse. Ziele und Handlungsmaßnahmen sind bekannt bzw. politischer Konsens. Eine kontextualisierte Umsetzung im Planungsareal kann sich auf politische Beschlussfassungen berufen.

Zum Gelingen gehört auch die Beteiligung der Nutzerschaft sowie weiterer Stakeholder im gesamten Planungs- und Realisierungsprozess. Die Ermittlung von Vorstellungen und das Aushandeln von Ansprüchen an das Quartier verbessern die Akzeptanz der Planung sowie die spätere Aneignung von, die Identifikation mit und das Engagement für Quartiersräume. Zusätzlich kann eine sozialwissenschaftliche Begleitung der Planung sowie eine Evaluation realisierter Quartiere zu einem besseren Verständnis des Funktionierens von Maßnahmen und ihrer Effekte beitragen.

Hafenband (Bild: CF/UC)

Grün-blaue Fugen (Bild: CF/UC)

Harniskai (Bild: CF/UC)

Der Hafen-Ost bildet den östlichen Teil des Wirtschaftshafens in Flensburg. Auf Grund des Rückgangs der Hafenaktivitäten hatte der Rat bereits 2015 vorbereitende Untersuchungen zur Konversion des Gebietes veranlasst. Die konzeptionelle Grundlage der Rahmenplanung für ein Suffizienz orientiertes Quartier bilden politisch beschlossene Leitlinien, die 2020 in einem Dialogprozess von Politik, Verwaltung und Bürger:innen erarbeitet wurden.

Unter dem Titel „Hafenband+ | maritim. grün. gemeinschaftlich.“ übersetzt die Rahmenplanung die Leitlinien in einen städtebaulich-freiräumlichen Entwurf. Sie ist die Grundlage für die Realisierung von Architekturen, Freiräumen und Infrastrukturen, die suffiziente, ressourcenschonende Lebensweisen fördern: Wohnen auf weniger Fläche, Co-Living, Co-Housing, Co-Working, Teilen statt Besitzen, sozialer und funktionaler Mix, Quartier der kurzen Wege etc.

Die Konversion des Hafen-Ost fördert „mehr Stadt in der Stadt“ (Innenentwicklung, 30ha-Ziel) und einen nachhaltigen Umgang mit Boden: Die kommunalen Grundstücke werden in Erbpacht vergeben, der Zuschlag erfolgt per Konzeptvergabe. Die Bebauung wird in unterschiedlicher Trägerschaft (Baugruppen, Genossenschaften) erfolgen. Das Quartier ist autoarm konzipiert. Das Mobilitätskonzept beinhaltet den Ausbau des ÖPNV (Pendelfähre, Wasserbus, Bus) und von Radwegen, es werden Mobilstationen eingerichtet, PKW-Parkplätze befinden sich fast ausschließlich in Quartiershochgaragen. Das Energiekonzept beinhaltet die Stromversorgung über Photovoltaikanlagen (Dachflächen Gebäude), es wird ein Niedertemperaturnetz unter Nutzung der Abwärme der Kläranlage eingerichtet.

Rahmenplanung Hafen-Ost Flensburg

Beteiligungsveranstaltungen Vorort (Fotos: GruppeF)

Es entsteht ein Hafen für alle: Das gesamte Ufer wird öffentlich zugänglich, das „Hafenband“ bietet diverse nichtkommerzielle Angebote (Spiel, Sport, Wassergenuss) und ist barrierearm gestaltet. Die denkmalgeschützten Speicher stehen für die Geschichte des Ortes und werden zu öffentlichen „Ankern“ umgenutzt (Klettern, Hostel, Museum etc.), die Menschen aus Stadt und Region anziehen werden. Die Spitze des Harniskais ist seit Jahren ein stadtweit beliebter Freiraum (Aneignung, Subkultur) mit Blick auf die Förde; sie bleibt so erhalten.

Es soll ein klimapositives Quartier entstehen, die Freiräume spielen eine Hauptrolle: Das Hafenband entlang des Wassers ist ein Raum zum Flanieren und Wassergenuss. Im Quartier strukturieren grün-blaue Fugen die Bebauung und vernetzen den Volkspark und die angrenzenden Wohngebiete mit dem Hafen. Die grün-blauen Fugen übernehmen mikroklimatische Funktionen, Wassermanagement, stärken Biodiversität, bieten Platz für nicht-kommerzielle Aktivitäten. Die hohe Nutzungskapazität der Freiräume ist wichtig, um die Reduktion privat genutzter Flächen (u.a. Wohnfläche 30m²/Pers.) auszugleichen. Die großflächige Entsiegelung des Gebietes ermöglicht gute Verhältnisse bei Hitze und Starkregenereignissen und erhöht die Biodiversität.

Begleitet wurde die Planung durch einen Beteiligungsprozess mit der Bürger:innen, Politik, Eigentümer:innen und Nutzer:innen des Geländes. Das Projekt wurde transdisziplinär erarbeitet und Ämter übergreifend gesteuert.

PS: Die Rahmenplanung wurde im Dezember 2022 vom Rat beschlossen. In 2024 wurde bekannt, dass das Wirtschaftsministerium die Betriebspflicht des Hafen-Ost nicht vollständig aufheben wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Stadt Flensburg unter diesen Umständen ihre vorbildhaften Ziele nicht aus den Augen verliert.

Verena Brehm ist Gründungspartnerin von CITYFÖRSTER architecture + urbanism und Professorin im Fachgebiet Entwerfen im städtebaulichen Kontext der Universität Kassel. Ihr Arbeitsfeld sind städtische Transformationsprozesse mit einem Fokus auf Suffizienz orientierten und zirkulär organisierten Quartieren.

Die Rahmenplanung für den Hafen-Ost wurde durch Cityförster architecture + urbanism, Urban Catalyst und R+T Verkehr verfasst. Beteiligt an der Projektgruppe waren das Planungsamt/FB Stadtentwicklung und Klimaschutz, der Sanierungsträger, das Beteiligungsteam von GruppeF und Gehl People Kopenhagen und das Norbert-Elias-Center for Transformation Design der Europa Universität Flensburg.

www.cityfoerster.net

3. Frank Christian Hinrichs
Vorstandsvorsitzender ODH Open District Hub e. V. & CEO inno2grid
Foto: © Frank Christian Hinrichs

Die beste Energie ist die, die wir gar nicht (ver)brauchen

Wir stehen an einem Wendepunkt. Gebäude und Quartiere entscheiden heute maßgeblich darüber, ob wir unsere Klimaziele erreichen oder verfehlen werden. Rund 40 Prozent des gesamten Energieverbrauchs in Deutschland entfallen auf den Gebäudesektor. Wenn wir über Energiewende sprechen, müssen wir über Häuser, Quartiere und deren Energieflüsse sprechen – und noch wichtiger: über Reduktion. Denn die beste Energie ist die, die wir gar nicht verbrauchen.​

Energieeinsparung ist längst keine moralische Pflicht mehr, sondern eine ökonomische und ökologische Notwendigkeit. Jede Kilowattstunde, die wir nicht verbrauchen, muss nicht erzeugt, transportiert und gespeichert werden – sie ist die effizienteste und nachhaltigste Form der Energie. Zudem sind Gebäude langlebige Infrastrukturen. Fehler, die wir heute beim Planen, Bauen oder Sanieren machen, bestimmen unseren Energieverbrauch über Jahrzehnte.​

Besonders in der Bestandssanierung liegt enormes Potenzial. Millionen Gebäude stammen aus einer Zeit, in der Energie billig war. Heute wissen wir: Jede verbesserte Dämmung, jedes effiziente Fenster, jede intelligente Steuerung senkt den Primärenergiebedarf. Gleichzeitig wächst der Druck: EU-Taxonomie, nationale Einsparverordnungen sowie steigende Energie- und CO2Emissionskosten verlangen nach klugen, integrierten Konzepten.​

Warum Energieeinsparung beim Bauen und Sanieren unverzichtbar ist

Der Ansatz des Open District Hub e. V.: immer vom Gebäude zum Quartier denken

Der Open District Hub e. V. (ODH) versteht sich als branchenübergreifendes Innovationsnetzwerk für die nachhaltige Transformation von Quartieren. Als gemeinnütziger Verein vernetzen wir Unternehmen aus inzwischen acht Branchen, Forschungseinrichtungen und Kommunen, um Lösungen für die klimaneutrale, resiliente und lebenswerte Gemeinde von morgen zu entwickeln.

Unser Grundverständnis lautet: Nachhaltigkeit gelingt am besten im Verbund. Einzelgebäudeoptimierung reicht nicht aus – wir müssen in Quartieren denken. Im Quartier können Energieflüsse intelligent gebündelt, Ressourcen geteilt und Verbrauchsspitzen ausgeglichen werden. Strom, Wärme, Kälte und Mobilität verbinden sich zu einem integrierten System. So entstehen Kreisläufe, in denen Energie mehrfach genutzt wird und Verluste minimiert werden.​

Neben der reinen Steigerung der Energieeffizienz bei der Planung von Gebäuden gewinnt ein weiterer Aspekt stark an Bedeutung: das Cradle-to-Cradle-Prinzip im Neu- und Umbau. Gebäude werden dabei nicht mehr als einmalige Produkte mit anschließendem Entsorgungsproblem verstanden, sondern als Teil eines dauerhaften Stoffkreislaufs – als Materialbank für die Zukunft. Materialien sollen schadstoffarm, trennbar und sortenrein verbaubar sein, damit sie am Ende des Lebenszyklus ohne Qualitätsverlust wiederverwendet werden können. Auch das haben wir im ODH erkannt und fördern den Austausch zu diesem sinnvollen Ansatz.

Cradle to Cradle: Gebäude als Rohstoff- und Energiebank

Quartiere als Systemlösung der Zukunft

Warum sind Quartiere nun der Schlüssel für all diese Herausforderungen? Weil sie die Brücke zwischen individueller und systemischer Energieeffizienz schlagen. Auf Quartiersebene lassen sich Gebäude unterschiedlicher Nutzung – Wohnen, Arbeiten, Gewerbe, Infrastruktur – energetisch vernetzen. Überschüsse aus der Photovoltaik auf dem Bürogebäude können die Wärmepumpe im Mehrfamilienhaus betreiben, Ladepunkte für Elektrofahrzeuge puffern Lastspitzen, und gemeinschaftliche Speicher erhöhen die Eigenversorgungsquote.​

Dieses Prinzip der Sektorenkopplung ist das Fundament der ODH-Philosophie. Strom, Wärme, Kälte und Mobilität werden nicht länger getrennt geplant, sondern als Ganzes optimiert. So entsteht ein resilientes und klimafreundliches Energiesystem, das nicht mehr ausschließlich auf Energieeffizienz, sondern auch auf CO2-Emissionseffizienz setzt.

Unsere Mitglieder im ODH e.V. zeigen bereits, wie dies in der Praxis funktioniert. In verschiedenen Quartiersprojekten, Reallaboren und Pilotvorhaben haben sie integrierte Energiesysteme umgesetzt.

In Mannheim-Friesenheimer Insel wurde ein gemischt genutztes Quartier mit Photovoltaik, Wärmepumpen, Quartiersspeicher und digitalem Energiemanagement entwickelt. Ergebnis: deutlich erhöhte Eigenversorgungsquoten und eine spürbare Reduzierung der CO₂-Emissionen.

In Bochum-Weitmar zeigt ein Sanierungsprojekt, wie Bestandsgebäude mit intelligenter Regeltechnik und gemeinsamer Energieinfrastruktur nahezu klimaneutral werden können.

Im Stadtquartier Ludwigsburg-Weststadt werden Strom, Wärme und Ladeinfrastruktur vernetzt. Künstliche Intelligenz steuert die Energieflüsse in Echtzeit und gleicht Verbrauchsspitzen aus.

Wie Energie reduziert und dekarbonisiert werden kann, zeigt inno2grid auch im Projekt Klimaquartiere der Landesenergieagentur Hessen. Die Kombination aus Sanierungsmaßnahmen zur Verringerung des Energiebedarfs mit Betrachtung der Erzeugungstechnologien maximiert die Ressourcenschonung. Für öffentliche Liegenschaften der Klimakommunen wurden unterschiedliche Maßnahmen zum Klimaschutz und der damit verbundenen Emissionsreduktion durchgeführt. Dazu zählen denkmalgerechte Sanierungsmaßnahmen zur Reduktion des Wärmebedarfs und der Möglichkeit die Vorlauftemperatur zu reduzieren – dies ist die Basis der Integration Erneuerbarer Energien sowie der Nutzung von neuen Wärmeversorgungsstrukturen durch die Kommunale Wärmeplanung.

Solche Beispiele zeigen: Wenn Gebäude zu Akteuren im Energiesystem werden und Wärme, Strom, Kälte und Mobilität konsequent zusammen auch mit anderen Gebäuden gedacht werden, entsteht eine neue Effizienzstufe – sozial, ökologisch und wirtschaftlich.

Erfolgreiche Beispiele aus dem Netzwerk

Technologie als Enabler der Energiewende im Quartier

Digitale Werkzeuge sind entscheidend, um Energie bedarfsgerecht einzusetzen. Moderne Energiemanagementsysteme, vernetzte Sensorik und KI-basierte Software ermöglichen Analysen, Energiebräuche transparent zu machen, Prognosen zu treffen und automatisch zu optimieren.​

Software kann Lastverläufe erkennen, zeitliche Überschüsse intelligent verschieben oder Speicher koordinieren. Damit werden aus passiven Netznutzern aktive Prosumer. Besonders spannend sind Lernalgorithmen, die das Verhalten von Bewohnerinnen und Bewohnern berücksichtigen und Gebäude so betreiben, dass Komfort erhalten bleibt, während der Energiebedarf sinkt.​

Eine zentrale Prämisse des Open District Hub lautet: Erzeuge und nutze Energie möglichst lokal. Dezentralität bedeutet Unabhängigkeit, Resilienz und Effizienz. Wenn Sonnenstrom direkt im Quartier verbraucht wird, lassen sich Verluste durch Transport und Speicherung deutlich reduzieren. Außerdem führen lokale Energiekonzepte zu höherer Akzeptanz, weil Bürgerinnen und Bürger den Nutzen unmittelbar erleben – durch geringere Kosten, Versorgungssicherheit und Beteiligungsmodelle.

Deshalb fördern wir im ODH nicht nur technologische Innovation, sondern auch neue Beteiligungs- und Geschäftsmodelle. Der Energiemarkt der Zukunft ist partizipativ: Unternehmen, Kommunen und Bürger bilden Wertschöpfungsgemeinschaften, die Energie gemeinschaftlich produzieren, speichern und verbrauchen.

Energie dort nutzen, wo sie entsteht

Fazit: Effizienz ist mehr als Technik

Am Ende geht es nicht nur um Technologien. Effizienz ist ein kultureller Wandel – im Planen, Bauen und Nutzen von Gebäuden. Die beste Energie ist eben die, die gar nicht verbraucht wird, weil wir klüger planen, intelligenter steuern und gemeinschaftlich handeln.

Quartiere bieten dafür die ideale Bühne: Hier trifft technische Innovation auf gesellschaftliches Miteinander. Der Open District Hub e. V. und seine Mitglieder arbeiten daran, dies Schritt für Schritt umzusetzen – für Städte, die nicht nur weniger Energie verbrauchen, sondern mehr Lebensqualität schaffen. So wird aus einem Satz gelebte Praxis: Die beste Energie ist die, die wir gar nicht (ver)brauchen.

Frank Christian Hinrichs, Vorstandsvorsitzender ODH Open District Hub e. V. & CEO inno2grid, Berlin

Geschäftsführer der inno2grid GmbH, einem Joint Venture von DB Engineering & Consulting und Schneider Electric auf dem Berliner EUREF-Campus. Zuvor arbeitete er in leitender Position in zahlreichen Mobilitäts- und Infrastrukturprojekten der Deutschen Bahn und als Leiter der Plattform Elektromobilität des Innovationszentrums für Mobilität und gesellschaftlichen Wandel (InnoZ). Aktuell beschäftigt er sich deutschlandweit vornehmlich mit der Entwicklung und Umsetzung innovativer Geschäftsmodelle für Energie- und Mobilitätslösungen in Wohn- und Gewerbequartieren. Frank Christian Hinrichs ist Vorstandsvorsitzender des Open District Hub e.V. sowie Vorstandsmitglied des Mobility2Grid e.V. und des Unternehmernetzwerk Südkreuz e.V. . Er lehrt zu Umweltmanagementsystemen und Projektmanagement an der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin.

4. Sebastian Nödl
Projektmanager bei 2226 GmbH, Lustenau/Voralberg
Foto: © KAP Forum

Nachhaltigkeit durch Reduktion

Warum 22·26 Architektur und Baupraxis neu sortiert

„Weniger Technik“ ist längst kein Verzicht mehr, sondern eine Entwurfsstrategie. Das Prinzip 22·26 zeigt, wie sich hoher Raumkomfort, robuste Baukonstruktion und ein deutlich reduzierter Betriebsenergiebedarf zu einem stimmigen Ganzen fügen – ohne konventionelle Heizungs und Kühlungssysteme und ohne mechanische Be und Entlüftung.

Der Name ist Programm: 22 bis 26 °C gelten als jener Temperaturbereich, der von vielen Menschen als angenehm empfunden wird und genau dort soll sich das Innenraumklima „fast immer“ bewegen. Jedoch wird der adaptive Komfort immer berücksichtigt.

Der Hebel liegt in der Gebäudestruktur: Eine Hülle mit niedrigem UWert reduziert den Einfluss äußerer Spitzen; gleichzeitig wirkt die Konstruktion mit hoher thermischer Speicherkapazität als Puffer, der Wärme bzw. Kühle effizient im Inneren hält.
In den ersten umgesetzten Projekten wird dieser Ansatz sehr anschaulich erklärt: dickere Ziegelwände, kontrollierte Fenstergrößen und ein sorgfältiges Verhältnis von Fassaden zu Fensterflächen sorgen dafür, dass „unerwartete“ AußenTemperaturspitzen innen nur zeitverzögert und abgeschwächt ankommen.
Parallel ist der Tageslicht und Raumzuschnitt Teil des Energiekonzepts: Großzügige Raumhöhen und hoch liegende Fenster bringen Licht tief in den Raum und reduzieren so den Bedarf an Kunstlicht – und damit den Gesamtenergieverbrauch.

Architektur als „Hardware“ – Speichermasse, Hülle, Geometrie

Interne Wärmeeinträge statt technischer Anlagen: Der Alltag als Energiequelle

Ein zentrales Prinzip ist die Nutzung von internen Wärmeeinträgen: Menschen, Geräte, Beleuchtung und Aktivitäten (z. B. Kochen) liefern im gut gedämmten Gebäude genügend Wärme, um im Winter den Komfortbereich zu halten.

Die Logik der Speichermassen: Decken, Böden und tragende Bauteile speichern Energie und geben sie verzögert wieder ab; selbst nach längerer Abwesenheit (z.B. Urlaub) sinkt die Temperatur typischerweise nur leicht und stabilisiert sich nach Heimkehr wieder.
Wichtig für Planende: Der Ansatz funktioniert am besten, wenn die thermisch aktiven Oberflächen nicht großflächig „entkoppelt“ werden (etwa durch Teppiche, abgehängte Decken oder umfangreiche Wandbekleidungen).

Damit Reduktion nicht zur KomfortWette wird, kommt das 22·26 Operating System ins Spiel: In jeder Zone erfassen DreifachSensoren Temperatur, CO₂Konzentration und relative Luftfeuchtigkeit; eine Wetterstation auf dem Dach erfasst Außenbedingungen wie Temperatur, Wind, Regen und Licht.
Die Software analysiert die Messwerte in Echtzeit und steuert bei Bedarf die motorisierten Lüftungsklappen: Sie öffnen und schließen automatisch, sobald Grenzwerte erreicht sind, und bleiben so lange aktiv, bis sich das Raumklima wieder im Zielbereich befindet.

In der Praxis heißt das: Luftqualität wird über CO₂ als Indikator geführt, während Temperatur und Feuchte zugleich überwacht werden.

Und: Nutzer:innen behalten die Kontrolle – mit temporären manuellen Übersteuerungen, die danach wieder in den Automatikmodus zurückkehren.

Die 22·26Logik ist nicht nur betrieblich, sondern auch lebenszyklusbezogen: Bewährte, langlebige Materialien wie Ziegel, Holz, Beton sowie mineralische Oberflächen (z. B. Kalkputz) sind robust, langlebig und großteils recyclingfähig; zugleich wird die Innenraumqualität über materialbedingte Feuchte und Wärmepufferung adressiert.

Wenn konventionelle Anlagen und ihre Leitungssysteme entfallen, reduzieren sich Planungs, Beschaffungs und Wartungsaufwände; außerdem werden Technikräume und abgehängte Decken weniger nötig was Nutzfläche und Raumqualität positiv beeinflussen kann.

Wir fassen diesen Ansatz prägnant zusammen: „Software ersetzt Hardware“ – mit dem Ziel, Komfort zu sichern und zugleich Betrieb sowie Lebenszyklus zu optimieren.

Nachhaltigkeit entlang des Lebenszyklus: langlebige Materialien, weniger Wartung

Projektbelege: vom Prototyp bis zur „interessanten Bewährungsprobe“

Dass das Prinzip skaliert, zeigen unsere Referenzen auf unterschiedlichen Maßstabsebenen. Das Projekt 22·26 Emmenweid schafft Temperaturstabilität über ein nahezu 80 cm dickes Mauerwerk und einen zurückhaltenden Glasanteil – als „energetisches Novum“ für ein Bürogebäude ohne Heizung, Kühlung und mechanische Lüftung.

Mit 22·26 JED Schlieren wird der Maßstab noch größer: Es ist das bisher größte Projekt nach dem 2226Prinzip und setzt auf LowTechSteuerung, KreislaufAnsätze und materialbezogene Kennwerte (u. a. eingesparte Primärressourcen bzw. CO₂Bindung im Beton) sowie Auszeichnungen SNBS Gold und dem Austrian Green Planet Building Award.

In Berechnungen in einer angefertigten Studie erreicht das 22·26 JED Schlieren heute schon die Klimazielvorgaben der Schweiz für 2050.

Spannend ist, dass die 22·26Idee inzwischen auch als Referenzrahmen außerhalb des DACHKerns auftaucht: Das Projekt „ONO – Our New Office | Amsterdam“ ist das erste „Low-Tech and Bio-Based“ Bürogebäude in den Niederlanden nach dem Prinzip 2226. Es wird vollständig in Massivholz umgesetzt werden (u. a. BrettschichtholzStützen/Träger und CLTBauteile); Als Baubeginn wird Q3 2026 angepeilt. Um zusätzliche thermische Masse einzubringen wird gestampfte Erde verwendet.

Blick nach Amsterdam: ONO – „LowTech & BioBased“ im Holzbau

Für uns ist ONO damit ein interessanter Prüfstein: Wie lassen sich biobasierte, natürliche Tragwerke und LowTechKomfortlogik in einem urbanen Umfeld zusammenführen und welche Grenzen/Regelwerke definieren dann die „passiven“ Spielräume? Dieser Fragestellung haben wir uns gestellt und glauben eine gute Lösung gefunden zu haben die das Gebäude zukunftsfähig, langlebig und möglichst „natürlich“ gestalten.

22·26 ist kein „TechnikStatement“, sondern eine Entwurfs und Haltungslogik, die Architektur, Materialität und Steuerungsregelung zusammenspannt: robuste Hülle + Speichermasse + interne Gewinne + datenbasierte, minimale Steuerung.

Gerade für die Baupraxis bedeutet das: Nachhaltigkeit entsteht nicht nur über Effizienzkennzahlen, sondern über weniger Komplexität, weniger wartungsintensive Systeme und eine Konstruktion, die derzeitigen und zukünftigen Klimaschwankungen resilient abfedert.

Sebastian Nödl
Projektmanager bei 2226 GmbH, Lustenau/Voralberg

www.2226.eu

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