TEIl 1/4
Weniger ist mehr

In unserer aktuellen vierteiligen KAP-Newsletterfolge widmen wir uns dem Suffizienzgedanken in Architektur, Stadt- und Landschaftsbau – der Idee, mit weniger Fläche, Material und Technik mehr Lebensqualität zu schaffen. Wir wollen zeigen, warum kluges Reduzieren kein Verzicht ist, sondern der Schlüssel zu nachhaltigem, sozialem und zukunftsfähigem Bauen.
Es kommen Köpfe aus ganz unterschiedlichen Bereichen zu Wort – aus Architektur, Stadt- und Landschaftsplanung, Wirtschaft und Wissenschaft. Ihre Perspektiven zeichnen gemeinsam ein vielschichtiges Bild davon, was Suffizienz heute bedeutet und wie „Weniger ist mehr“ konkret werden kann.
»Lasst uns aus dem Suffizienzgedanke heraus eine neue Architektursprache entwickeln,« so der ehemalige Direktor des Schweizerischen Architekturmuseums Andreas Ruby. »Lasst uns Bauten gestalten, die auf tatsächlich vorhandene Bedürfnisse reagieren. Lasst uns fragen, wie viel genug ist. Baukünstlerisch kann es ein großer Gewinn sein, Selbstsuffizienz zu üben.«
Und: »Suffizienz ist keine Romantisierung der Bescheidenheit. Sie ist die realistischste Antwort auf eine Krise, die wir uns selbst gebaut haben – wörtlich. Das Zuhause der Zukunft hat vier Koordinaten: bezahlbar, ökologisch, gemeinschaftlich, ästhetisch. Es braucht neue Narrative und mutiges Handeln. Wir müssen aufhören zu labern – und anpacken!« so Nathanael Over in seinem Beitrag für’s KAP-Forum.
Unser Engagement gilt der Zukunft des Bauens!
Das Redaktionsteam
Gerhard G. Feldmeyer
Architekt, Climate Responsible Strategies, Botschafter Madaster Foundation
Andreas Grosz
Initiator und Leiter KAP Forum für Architektur & Stadtentwicklung
Tobias Groß
Partner+Gestalter KAP Forum, Gründer und Leiter Studio für Gestaltung, Köln
Die Autor:innen
Stefanie Weidner | Lucio Blandini | Christa Reicher | Lorenz Nagel | Karin Loosen | Nathanael Over | Sarah Dungs | Timm Sassen | Sebastian Nödl | Jutta Albus | Tobias Wiesenkämper | Stefan Forster | Andreas Mendler | Frank Christian Hinrichs | Gerhard Feldmeyer | Verena Brehm

1. Nathanael Over
Bauingenieur, Betriebswirt und Initiator von »Die Wohnwende«
Foto: © Nathanael Over
Wir müssen aufhören zu labern – und anpacken!
Berlin, November 2024. Am Alexanderplatz steige ich aus der Bahn. Es ist früher Abend, der Wind pfeift durch die Straßen, Schnee fällt in dichten Flocken. Ich folge dem Handy-Navi zum Hotel und finde mich plötzlich unter einer Eisenbahnbrücke wieder. Zelte. Improvisierte Wände aus Decken, Planen und Brettern. Menschen, die direkt neben den Gleisen schlafen. Kein Dach, kein Schutz, keine Hoffnung. Ein Polizeiwagen steht zehn Meter entfernt. Alles scheint ganz normal.
Fünfzig Meter weiter: meine Hotellobby. Hell, warm. Der freundliche Mitarbeiter: „Wir haben Sie upgegradet. Ihr Zimmer im 15. Stock hat einen herrlichen Blick über Berlin.“ Ich stehe am Fenster und schaue über die funkelnden Lichter der Stadt. Und denke an die Menschen unter der Brücke.
Dieses Bild lässt mich nicht los. Nicht wegen seiner Dramatik, sondern wegen seiner Normalität. In deutschen Städten leben 2024 rund 1.029.000 Menschen ohne Wohnung. Gleichzeitig ist die Wohnfläche pro Person zwischen 1991 und 2021 um 37 Prozent gestiegen: von 35 auf 48 Quadratmeter. Wir wohnen immer größer. Immer teurer. Und immer öfter allein. Das ist kein Zufall. Das ist das Ergebnis einer kollektiven Haltung, die wir dringend hinterfragen müssen.
Ich bin 1989 dreizehn Jahre alt, als meine Familie in Celle ihr Haus baut. 150 Quadratmeter, Wohnzimmer, Küche, Elternschlafzimmer, drei Kinderzimmer, zwei Bäder, Gästezimmer, Garten und Carport. Für uns damals das Normalste der Welt. Ich erinnere mich noch heute an das Gefühl, endlich die Tür hinter mir schließen und die Welt draußen lassen zu können. Das eigene Zimmer. Unvergleichlich.
Dreißig Jahre später erzählt mir eine junge Familie, sie hätten einen ähnlichen Grundriss geerbt und als Erstes mehrere Wände eingerissen. Zu eng, zu klein, nicht mehr zeitgemäß. Was für meine Generation Wohlstand bedeutete, gilt heute als Mindestanforderung. Der Anspruch ist gewachsen. Die Fläche auch. Die Zufriedenheit nicht unbedingt.
Die Wohnungsnot ist in weiten Teilen kein Mengenproblem, sie ist ein Verteilungs- und Anspruchsproblem. Viele ältere Menschen leben allein in großen, oft nicht barrierefreien Wohnungen, während junge Familien und Studierende verzweifelt suchen. Über 42 Prozent aller Haushalte in Deutschland sind heute Einpersonenhaushalte, die am stärksten wachsende Haushaltsform. Mehr Menschen beanspruchen mehr Raum. Und wir fordern: mehr bauen.
Hier setzt der Suffizienz-Gedanke an. Nicht als moralischer Zeigefinger, sondern als nüchterne Planungsfrage: Wie viel brauchen wir wirklich? Und was davon brauchen wir wirklich allein?
Das Paradox des Wachstums
Suffizienz: die dritte Strategie
In der Nachhaltigkeitsdebatte kennen wir zwei dominante Strategien: Effizienz, also dasselbe Ergebnis mit weniger Ressourcen, und Konsistenz, also geschlossene Kreisläufe, Recyclingbeton, Holz als CO₂-Speicher, der Materialpass als Grundlage für die Urban Mine. Beide sind notwendig. Aber beide greifen zu kurz, wenn die Grundfrage ungestellt bleibt: Wie viel Raum brauchen wir überhaupt?
Suffizienz ist diese dritte Strategie. Sie setzt nicht bei der Technik an, sondern beim Verhalten, bei der Haltung. Das Richtige bauen, nicht das Größtmögliche. Und die Forschung ist eindeutig: Die Reduktion der Wohnfläche pro Kopf ist der effektivste Hebel zur CO₂-Reduktion im Wohnungsbau, wirksamer als energetische Sanierung, wirksamer als Effizienzmaßnahmen allein. Rund 30 Prozent der nationalen CO₂-Emissionen entstehen durch Bau, Betrieb und Sanierung von Gebäuden. Wer weniger baut und weniger Fläche beansprucht, spart graue Energie: ohne Technologie, ohne große Investition.
Deutschland verbraucht seinen Jahresvorrat an natürlichen Ressourcen bereits Anfang Mai. Der Earth Overshoot Day macht das Ausmaß sichtbar: Wir leben längst auf Pump. Das Wohnen ist dabei kein Randphänomen, sondern ein Hauptfaktor. Und doch behandeln wir die wachsende Wohnfläche pro Person als Selbstverständlichkeit, als Wohlstandsindikator. Es ist Zeit, das zu hinterfragen
Die klügsten Bauten der Menschheitsgeschichte sind nicht die größten, sie sind die passgenausten. Das Iglu der Inuit: aus lokal verfügbarem Schnee, in wenigen Stunden errichtet, keine Transportwege, keine zusätzlichen Ressourcen, physikalisch brillant. Die traditionellen Lehmziegelhäuser im Jemen: dicht gestellt, hoch gebaut, Schatten spendend, die Hitze des Tages speichernd und nachts wieder abgebend, ohne Klimaanlage, ohne Energieaufwand.
Beide Bauweisen teilen ein Grundprinzip: Sie bauen nicht mehr als nötig, aber genau das Richtige. Suffizienz ist keine Erfindung der Nachhaltigkeitsbewegung. Sie ist uraltes Bauprinzip. Wir haben es vergessen in dem Moment, als Energie billig und Fläche verfügbar schien.
Was können zeitgenössische Architektur und Stadtplanung daraus lernen? Dichte als Qualität begreifen, nicht als Kompromiss. Gemeinschaft als Ressource verstehen, nicht als Einschränkung. Und: das Vorhandene nutzen, bevor Neues entsteht.
Was das Iglu uns über Stadtplanung lehrt
Teilen als Stadtentwicklungsstrategie
Eine produktive Irritation: Warum zieht es so viele Deutsche im Urlaub auf den Campingplatz, um dort auf engstem Raum mit Fremden zu kochen, Duschen zu teilen und sich als Gemeinschaft zu erleben, und nach Hause wieder in die Einzelwohnung? Offenbar ist die Sehnsucht nach Nähe größer als die Gewohnheit der Abgrenzung. Wir haben uns nur noch nicht getraut, das zu bauen.
Fast die Hälfte der 16- bis 30-Jährigen fühlt sich einsam, zeigt eine Studie der Bertelsmann-Stiftung. Auch ältere Menschen sind massiv betroffen. Einsamkeit ist längst ein strukturelles Phänomen und eine der teuersten gesellschaftlichen Folgekosten. Wohnraum kann Teil der Antwort sein. Nicht durch mehr Quadratmeter, sondern durch klügere Grundrisse.
Clusterwohnungen benötigen 18 bis 25 Quadratmeter pro Person, klassische Wohnungen 35 bis 55. Diese Differenz ermöglicht Flächeneinsparungen von bis zu 40 Prozent, ohne Lebensqualität einzubüßen. Im Gegenteil: Gemeinschaftsflächen schaffen sozialen Mehrwert, der privater Überflussfläche strukturell überlegen ist. Was fehlt, ist kein Wissen, sondern ein Kulturwandel im Grundriss.
Wie das konkret aussehen kann, zeigt das Modell der Stadtfamilie: skalierbare, betreiberfreie Gemeinschaftswohneinheiten in seriellem Holzbau. Der Kern: kleine private Einheiten von etwa 15 bis 30 Quadratmetern, kombiniert mit großzügigen gemeinsam genutzten Flächen wie Wohnküchen, Gemeinschaftsbädern und Aufenthaltsbereichen. Kein Betreibermodell, keine erzwungene Sozialarbeit, keine Heimstruktur. Stattdessen selbstorganisierte Gemeinschaft, unterstützt durch digitale Matching– und Verwaltungsprozesse.
Das Modell funktioniert für Studierende und Young Professionals genauso wie für Senioren, Alleinerziehende oder Mitarbeitende im Rahmen von Betriebswohnen. Die Zielgruppen unterscheiden sich in ihren Bedürfnissen, teilen aber die Grundsüberzeugung: Gemeinschaft ist keine Notlösung, sondern eine bewusste Wahl.
Für Investoren entstehen robuste Bestandsprodukte mit überdurchschnittlicher sozialer Wirkung, niedrigem Leerstandsrisiko und hoher Mieterbindung. ESG-konforme Standards sichern Förderzugänge und senken Betriebskosten. Die Stadtfamilie ist kein Entwurf auf dem Papier. Sie ist ein erprobter Ansatz, der Suffizienz nicht als Verzicht denkt, sondern als Gewinn: weniger privater Raum, mehr gemeinsames Leben.
Die Stadtfamilie: Suffizienz als skalierbares Modell
Holz, Kreislauf und die Stadt der kurzen Wege
Suffizienz und Konsistenz bedingen einander. Der serielle Holzbau ist das Rückgrat des Stadtfamilien-Modells: CO₂-bindend mit rund 250 Tonnen pro Haus, rückbaufähig, kreislauffähig und schnell realisierbar. In Radolfzell stand die regendichte Hülle eines unserer dreigeschossigen Holzbauten nach acht Arbeitstagen. Nicht als Notbehelf, sondern als dauerhaftes, ästhetisch überzeugendes Gebäude mit 80- bis 100-jähriger Standzeit.
Dachaufstockungen in Holzbauweise sind eine der konsequentesten suffizienten Stadtentwicklungsstrategien: mehr Wohnraum auf gleicher Grundfläche, ohne zusätzliche Flächenversiegelung, auf bestehendem Fundament, mit bestehender Infrastruktur. Das Gebäude als Materiallager: Der digitale Materialpass macht sichtbar, was bereits vorhanden ist, bevor Neues abgebaut, transportiert und verbaut wird.
Suffizienz in der Stadtentwicklung bedeutet: Innenentwicklung vor Außenentwicklung. Umnutzung vor Abriss. Gemeinschaft vor Isolation. Und immer: das Vorhandene ernst nehmen, bevor Neues entsteht.
Was mich an jenem Berliner Abend beschäftigt, ist nicht die Ungleichheit als solche. Es ist die Tatsache, dass wir längst wissen, wie wir es anders machen können. Wir haben die Bauweisen. Wir haben die Konzepte. Wir haben die Forschung. Was wir brauchen, ist den Mut, die richtigen Fragen zu stellen.
Nicht: Wie bauen wir mehr? Sondern: Wie wohnen wir besser?
Suffizienz ist keine Romantisierung der Bescheidenheit. Sie ist die realistischste Antwort auf eine Krise, die wir uns selbst gebaut haben – wörtlich. Das Zuhause der Zukunft hat vier Koordinaten: bezahlbar, ökologisch, gemeinschaftlich, ästhetisch.
Es braucht neue Narrative und mutiges Handeln. Wir müssen aufhören zu labern – und anpacken.
Genug ist das neue Mehr
Nathanael Over ist Bauingenieur, Betriebswirt und Initiator von „Die Wohnwende“. Seit über 25 Jahren entwickelt er Wohnlösungen, die bezahlbar, nachhaltig und sozial wirksam sind: von seriellem Holzbau über Kreislaufwirtschaft bis hin zu gemeinschaftlichen Wohnkonzepten wie der Stadtfamilie. 2024 erschien sein Buch „Die Wohnwende“ (ISBN 978-3-7693-9966-0). Er begleitet Kommunen, Investoren und Projektentwickler bei der Umsetzung innovativer Wohnprojekte.

2. Karin Loosen,
Architektin und Stadtplanerin
Fotos: © LRW
Bezahlbarer Wohnraum ist eine der zentralen sozialen Fragen unserer Zeit.
Wohnen ist ein sehr privates Thema. Es geht um Gewohnheiten, Standards, Ansprüche, die individuell gelebt und wahrgenommen werden. Unser Wohnungsbau ist aufgrund gestiegener Zinsen, Weltkrisen und Lieferengpässen, sowie extrem gestiegener Baupreise kaum noch finanzier- und bezahlbar. Das ökonomische Gleichgewicht zwischen den Faktoren Investition, Finanzierung und Miete funktioniert nicht mehr. Um wieder günstigeren Wohnraum in größerer Zahl erstellen zu können, müssen wir mit den Kosten runter. Dies betrifft natürlich an vorderer Stelle die hohen Grundstückspreise, was insbesondere bei öffentlichen Liegenschaften ein politisches Thema und für uns als Planende nicht zu beeinflussen ist. Also setzen wir bei der Planung an. Wir müssen analysieren, welche Standards wir im Wohnen wirklich benötigen, wo wir einsparen, reduzieren, also optimieren könnten. Doch abseits der Normen und Standards zu planen und zu bauen wird durch gegenwärtige rechtliche Regelungen erschwert. Auch hier sind Änderungen dringend erforderlich!
Die Wohnungsnot ist groß. Es gibt hohe Potenziale im Bestandsumbau, die aber leider noch viel zu wenig genutzt werden. Kleine Wohnungen werden immer teurer. Der Fachkräftemangel wird durch das fehlende bezahlbare Wohnungsangebot noch verstärkt, insbesondere in den sozialen und gesundheitlichen Tätigkeitsfeldern. Zugpferd im Wohnungsbau ist in Hamburg aktuell der geförderte Wohnungsbau. Helfen würde, das ist offensichtlich, der Bau vor allem von kleineren, bezahlbaren Wohnungen. Darüber hinaus brauchen wir auch neue Wohnformen mit mehr Flexibilität, beispielsweise zuschaltbaren Räumen und Gemeinschaftsflächen.
Was bedeutet dies für die Quartiersentwicklung der Stadt? Der altbewährte, sozial stabilisierende Drittelmix wird derzeit nicht mehr realisiert. Wir müssen verhindern, dass die Segregation wieder steigt und generell mehr in den Quartieren denken. Alte Menschen würden gerne aus ihren großen Wohnungen ausziehen, um jungen Familien Platz zu machen, aber sie wollen natürlich ihr gewohntes Umfeld und die Infrastruktur behalten – von der Bushaltestelle bis zum Arzt. Sie wollen also verständlicherweise im Quartier umziehen. Dafür müssen Tauschangebote geschaffen werden. Und wir brauchen mehr intergenerationelles Wohnen, um eine Antwort auf den Alterungsprozess der Gesellschaft zu finden.
Es gibt so viele interessante und hilfreiche Synergie-Effekte im Zusammenwohnen, die wir viel mehr in Betracht ziehen müssten. Anstatt einzelne Sektoren zu optimieren, sollten wir Probleme mehr bündeln und übergreifende Lösungen entwickeln. Die Alterung unserer Gesellschaft erweist sich ebenfalls als große Zukunftsherausforderung. Pflege ist kaum noch bezahlbar, also brauchen wir neue und innovative Wohnmodelle, wo sich die Generationen wieder mehr umeinander kümmern. Früher funktionierte dies in den Großfamilien, daraus können wir viel lernen.
Unsere Gesellschaft hat sich in den letzten 25 Jahren deutlich verändert. Der Einzelhaushalt dominiert, die rasante Alterung unserer Gesellschaft wird nur noch durch den Zuzug von Migranten gestoppt. Wie machen wir unsere Wohnverhältnisse zukunftsfest?
Die Preise im Wohnungsbau – damit auch die Mieten und Quadratmeterkosten – sind regelrecht explodiert: Wie wir das Bauen wieder kostengünstiger gestalten können. Wir brauchen den Fokus auf das Wesentliche. Andere Länder der EU machen uns das vor: Weniger bedeutet auch hier mehr!
In Hamburg hatte die Behörde für Stadtentwicklung und Wohnen die Initiative „Kostenreduziertes Bauen“ gestartet, in der in einem über ein Jahr dauernden Prozess alle am Wohnungsbau beteiligten Player – von Immobilien-, Wohnungs- und Bauwirtschaft über Politik und Verwaltung bis hin zu Architektinnen und Architekten – zahlreiche kostentreibende Faktoren identifiziert und einen Instrumentenkasten für eine Reduzierung der Baukosten auf unter 3.000 € brutto /qm Wohnfläche (KG 200-700) geschaffen haben: der sogenannte Hamburg Standard. Derzeit haben wir im Median Herstellungskosten von mittlerweile über 4.500 € brutto /qm Wohnfläche. Wohlgemerkt: Dies sind allein die Herstellungskosten ohne Grundstück und ohne Finanzierung. Wie kann unter diesen Rahmenbedingungen Wohnungsbau noch finanziert werden? Zu welchen Mieten?
Eine Vergesellschaftung von Grund und Boden, wie manche fordern, erscheint mir unrealistisch. Allerdings wäre es denkbar und wünschenswert, dass die Spekulation mit Grundstücken zumindest eingeschränkt wird, beispielsweise durch die Ausübung von Vorkaufsrechten oder eine aktivere Bodenpolitik der Kommunen. Erbpacht ist sicherlich ein Weg, um neue bezahlbare Lösungen anzubieten. Hamburg nutzt dieses Instrument bereits stark. Er birgt allerdings auch Tücken der Finanzierung in sich, und viele Banken tun sich damit noch schwer. Wichtig ist die langfristige Perspektive: Was passiert nach Ende der Laufzeit?
Die Kostensteigerungen im Wohnungsbau sind schlussendlich nicht nur bedingt durch Krisen, hohe Zinsen und allgemeine Preisentwicklungen. Als zentrales Problem erweist sich unser hoher Anspruch an Perfektion, Technik und Qualität. Um so notwendiger ist es wieder zu einem einfacheren, stimmigeren Bauen zu gelangen mit dem Fokus auf das Wesentliche.
Die Klimakrise hat zu einem Umdenken im Umgang mit Ressourcen geführt. Wir haben jahrzehntelang auf einem viel zu großem CO₂–Fußabdruck gelebt, den wir mittlerweile weder bezahlen noch verantworten können. Krisen sind immer auch Chancen und die momentane Klima- und Baukrise zwingt uns dazu, neue Wege zu finden und zu beschreiten. Die Reduktion auf das Wesentliche ist hierbei einSchlüssel. Was brauchen wir wirklich um gesund, sozial verträglich und dann auch bezahlbar zu wohnen?
Im Hamburg Standard haben wir uns nicht nur mit dem Weglassen beschäftigt – wir wollen Wirtschaftlichkeit und Baukultur. Das Ziel: im Rahmen des finanziellMöglichen hochwertige Architektur zu produzieren – funktional, gestalterisch, sozialund ökologisch. Pilotprojekte sollen diese Ideen in die Realität bringen. Unser Büro bearbeitet derzeit zwei Pilotprojekte des Hamburg Standards, das „Morellenquartier“ mit sechs dreigeschossigen Wohnhäusern für die Hansa Baugenossenschaft und „Willie“, ein acht geschossiges Wohngebäude im IBA Pilotquartier Rathausviertel für PRIMUS developments. Hier planen und bauen wir effizienter u.a. durch Standardminimierung der Decken und Wände, Wiederholungseffekte von Bauteilen, einfache Baukonstruktionen – wie z.B. vorgestellte Balkone, Verzicht auf Tiefgaragen und Keller – dafür die Abstellräume im Dach bzw. Staffelgeschoss, kluge und flexible Grundrisse und Low–tech bez. der Haustechnik. Es entstehen dabei hochwertige Architekturen, wertige Fassaden mit guten Freiraumqualitäten und hohem Anspruch an Nachhaltigkeit. Beide Projekte werden in Holzbauweise realisiert.
In der Nachhaltigkeitsdebatte beschreibt Suffizienz eine eigenständige Strategie, die darauf abzielt, den Ressourcen- und Energieverbrauch durch eine bewusste Reduktion unnötiger Anforderungen sowie das Hinterfragen etablierter Komfort- und Konsumnormen zu verringern. Welche Rolle kommt dem Suffizienzgedanken bei der Bewältigung der Wohnungsfrage zu?
Was heißt das für die Suffizienz? Wir müssen die Baustandards reduzieren! Vereinfachung bedeutet bessere Prozesse, nicht Deregulierung.
Es sind viele Stellschrauben zur Kostenreduktion vorhanden. Wichtig ist Fokussierung statt Verzettelung. Aus Sicht der Planung sind besonders Erleichterungen beim Brandschutz wirksam, sowie den Schallschutz auf das notwendige Maß zu reduzieren. Auch hier sollten wir nicht in einzelnen Ressorts denken, sondern Synergien nutzen – z. B. dünnere Decken mit integrierter Fußbodenheizung bieten oft gleichwertigen Schallschutz.
Wo möglich, können serielle oder modulare Bauweisen einen Beitrag zur Lösung der Wohnungskrise leisten. Entscheidend ist jedoch auch hier die gute Gestaltung, um Nachhaltigkeit, Dauerhaftigkeit und Akzeptanz zu erreichen. Architektinnen und Architekten können nicht nur Unikate liefern, sondern ebenso effiziente Module oder Serien entwickeln, um Bauprozesse zu beschleunigen. Sie sind durch ihre Kreativität, Erfahrung und ihren generalistischen und holistischen Planungsansatz auch für diese Planungsaufgabe absolut prädestiniert.
Baukultur sollte immer das Ziel sein. Gute Architektur ist nachhaltig durch ihre Dauerhaftigkeit, Ästhetik und Langlebigkeit. Das lehrt uns die Baugeschichte. Dabei ist die Grundvoraussetzung qualitätvoller Städtebau mit hochwertigen, gut nutzbarenFreiräumen, denn diese bieten auch einen Ausgleich für Suffizienz im Wohnungsbau.Unser Ziel besteht darin, lebenswerte Quartiere mit Identität, Zusammenhalt und Zuhausegefühl zu schaffen. Wohnungsbau muss immer im städtischen Kontext betrachtet werden – Stadtrand und Innenstadt erfordern unterschiedliche Qualitäten.
Serielles-, modulares Bauen u.ä. werden als Auswege aus der Wohnungskrise angeboten. Das Thema „Baukultur“ und die Rolle von Architektinnen und Architekten.
Wohnungsbau entsteht oft erst nach komplizierten Prozessen und langandauernden Verfahren. Kann auch hier mit weniger mehr erreicht werden?
Absolut. Die vielen Workshops im Rahmen der Hamburger Initiative „kostenreduziertes Bauen“ basierten auf dem Perspektivwechsel der Teilnehmenden: Akteure aus Bau- und Wohnungswirtschaft, Verwaltung und Planung entwickelten gemeinsam über ein Jahr lang kostenreduzierende Baustandards, optimiertePlanung und Prozesse sowie beschleunigte Verfahren. Die Workshops und die Umsetzung der Pilotprojekte zeigt schon jetzt: Bessere Kommunikation führt zu effizienterer Zusammenarbeit, zwischen Stadt, Bezirken und Bauakteuren. Wichtig ist aber, die Bauprüfdienste und Bauämter personell und strukturell für die neuenAufgaben zu stärken. Und auch bei Wettbewerben ist weniger oft mehr: Unsere Vergabeverfahren sind in der Regel zu detailliert und eng gefasst. Wir sollten dieKomplexität von Ausschreibungen verringern, Gestaltungsspielräume öffnen und die Leistungsphase 0 zur Regel erklären.
Und ganz wichtig: Wir brauchen offene Prozesse für mehr Innovation und somit machbarer Kosteneffizienz!
Karin Loosen, Architektin und Stadtplanerin
Gründungspartnerin und geschäftsführende Gesellschafterin LRW Architektur und Stadtplanung, Hamburg
Präsidentin der Hamburgischen Architektenkammer
Vorstandsmitglied der Bundesarchitektenkammer
Vorstandsvorsitzende der Hamburger Stiftung Baukultur HSBK
Stellvertretende Vorsitzende des Beirates der Bundesstiftung Baukultur
Beiratsmitglied HafenCity Hamburg GmbH
Kuratoriumsmitglied Cap San Diego, Stiftung Hamburger Admiralität

3. Andreas Kipar
Architekt, Landschaftsarchitekt und Stadtplaner
Foto: © Ralph Richter
WAS WIR WIRKLICH BRAUCHEN.
Der Suffizienz-Gedanke und seine innovative Rolle in der Stadt- und Landschaftsplanung.
Der Suffizienz-Gedanke, die Frage nach Maßhalten, nach Nutzung des Bestehenden, ist letztendlich eine Frage des Lebensstils, der Haltung. Das gilt für den Einzelnen, der seinem Leben im Alltag Sinn vermitteln möchte und bereit ist, privaten Verbrauch zugunsten des allgemeinen Wohlstands zu reduzieren. Das gilt für Unternehmen und Verbände, die Gewinnstreben mit dem Erhalt von Ressourcen abwägen. Und das gilt für Politik und Verwaltung, um den Herausforderungen der Gegenwart gerecht zu werden und langfristig die Basis für eine bessere, eine nachhaltige Zukunft zu legen, statt kurzfristig in einen Wettbewerb um Wählergunst einzutreten. Die Frage, was brauchen wir wirklich, ist nicht zu trennen von den Fragen, wie wollen wir leben und was wollen wir sein. In diesen ethischen Zusammenhängen bewegt sich Städte- und Landschaftsplanung.
Ausgangspunkt ist die schlichte Feststellung, dass die Bauwirtschaft zu den größten Umweltsündern der Gegenwart gehört. Im vergangenen Jahrhundert hat eine ungeahnte Bauwut gleichsam zu einer Neuerrichtung unserer Städte bei Zerstörung des Bestandes geführt. Die urbane Ausweitung in den ländlichen Raum legitimierte die Ausbeutung des Bodens und seiner Versiegelung durch Wohnflächen, Fabriken, Infrastrukturen und die Begünstigung von individueller Mobilität auf Straßen und Autobahnen. Durch die wissenschaftliche Forschung angestoßen und von den Auswirkungen der Klimakrise unterstützt, ist eine kritische Bewertung dieser Entwicklungen in Gang gekommen.

Garden Boulevard Vercelli – vorher.
Fotografie von LAND

Garden Boulevard Vercelli – Entpflasterung.
Fotografie von LAND

Garden Boulevard Vercelli – nacher.
Fotografie von LAND
Der Umgang mit Land, Wasser, Energie führt immer mehr zu einer Neubewertung der Rolle von Natur und Naturverträglichkeit. Der Druck auf unsere gemeinsamen Ressourcen ist nicht länger abstrakt, sondern prägt Politik, geriert Konflikte und bestimmt das Alltagsleben. Weitsichtig konstatierte der Kultur- und Sozialwissenschaftler Wolfgang Sachs vom Wuppertaler Institut für Klima, Umwelt und Energie bereits Mitte der 1990er-Jahre: „Einer naturverträglichen Gesellschaft kann man in der Tat nur auf zwei Beinen näherkommen: durch eine intelligente Rationalisierung der Mittel wie durch eine kluge Beschränkung der Ziele.“ Sachs forderte nichts weniger als eine „Suffizienzrevolution“. Ein radikales Umdenken vom „Immer-mehr“ zum „Weniger“, vom Maßlosen zum Maßhalten, vom Zerstören zum Erhalten, das inzwischen weite Bereiche der Stadtplanung und Landschaftsarchitektur erreicht hat (– oder zumindest erreicht haben sollte).
Radikales Umdenken
Weniger ist mehr
Die aktive Rolle der Natur ist unumstritten. Über Kulturen und Kontinente hinweg reagiert die Natur auf menschliche Bedürfnisse in jeder Größenordnung. Sie kühlt unsere Städte, filtert unsere Luft und unser Wasser, produziert Nahrung und Energie und bietet Räume für Begegnung, Reflexion und Resilienz. Es ist die Natur, die bei der Suche nach dem, was wir wirklich brauchen, die elementare Hilfen bei der Entwicklung von Lebensqualität gibt. Sei es als Vermittler und Akteur in Architektur und Bauwirtschaft mit den bekannten Stichworten Wartung, Umbau, Rückbau, Schaffung von Freiräumen für Treffpunkte wie zur Erholung. Sei es als Grundlage bei dem Prozess Landschaften nicht nur zu erhalten, sondern produktiv zu kultivieren. Die vertrauten Stichworte hier: Renaturierung, Flächen sparen, Förderung naturpositiver Entwicklungen parallel zum Ausbau nachhaltiger Mobilitätskonzepte.
Im Gleichgewicht zwischen Kultur und Natur geht es um den Aufbau und die Nutzung multifunktionaler Ökosysteme, die in der Lage sind, ökologischen, sozialen und wirtschaftlichen Nutzen zu „produzieren“. Stadt- und Landschaftsplanung eint ein Suffizienz-Denken, das zu mehr Lebensqualität führt. Weniger ist mehr, weniger ist gesünder.
Was wir also wirklich brauchen, sind Maßnahmen, die zur Erhöhung der ökologischen Leistungsfähigkeit der urbanen wie ruralen Systeme beitragen: klimatechnisch (Temperaturen mindern), wassertechnisch (Wasser auffangen, Böden entsiegeln) und naturmäßig (Steigerung Resilienz und Biodiversität) auf und an Gebäuden, auf und in Böden – das eine darf das andere nicht ausschließen, sondern muss sich ergänzen.
Dabei geht es darum, Menschen, die bislang der ökologischen Transformation unwissend, unbeteiligt bis sogar feindlich gegenüber stehen, auf diesem Weg mitzunehmen. Ebenso wichtig ist es, die „Entscheider“ in Politik und Verbänden unter Druck zu setzen, die gerade dabei sind, diese Themen in hintere Linie zu schieben. Dafür sind wir auf Bündnispartner in allen Lagern und ganz besonders in Wirtschaft und Zivilgesellschaft angewiesen.
Denn wenn wir etwa in Zukunft eine Flächenversiegelung netto null erreichen wollen, liegen die Mittel auf dem Tisch. Unter dem Motto „Break it up“ gehören zum Beispiel regionale Flächenbudgets dazu. Neue Versiegelung dürfte nur nach Ausgleich durch entsprechend große Entsiegelung möglich sein. Die Anwendung naturbasierter Lösungen würde zudem die urbane Entwicklung hin zu Freiräumen fördern. Doch eine Flächenversiegelung netto null, der Rückbau und das Aufbrechen von Böden neben konsequentem Umbau statt Neubau muss gesellschaftlich gewollt und politisch als Zielvorgabe vorgeschrieben werden.
Für uns heißt das, Landschaft als ein proaktives Passepartout zu verstehen. Ein Schlüssel, der vom Bauen zum Kultivieren führt, vom infrastrukturellen Denken zum Denken in Naturräumen. Weg vom Verschönern, hin zum pragmatischen Lenken, weg vom Neubau, hin zur Wiederverwendung natürlicher Elemente. So übernimmt Landschaft die Funktion einer positiven Moderationsplattform, um aufzuwerten, was da ist. Was wir brauchen, indem wir es gebrauchen. Weil es uns alle angeht.
Suffizienz-Denken orientiert sich am Gemeinwohl. Die Frage nach dem, was wir wirklich brauchen, ist letztlich ohne Gemeinsinn nicht zu beantworten.
Gemeinwohl und Gemeinsinn
Andreas Kipar, Architekt, Landschaftsarchitekt und Stadtplaner, ist Gründer und CEO des
internationalen Landschaftsberatungsunternehmens LAND mit Niederlassungen in Saudi-Arabien, Österreich, Kanada, Deutschland, Italien und der Schweiz.
Er hat Landschaftsarchitektur an der GHS Universität Essen sowie Architektur und Stadtplanung
am Politecnico di Milano studiert, wo er seit 2009 Landscape and Public Space Design lehrt. Er ist
Vollmitglied der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung (DASL), des Bundes
Deutscher Landschaftsarchitekten (BDLA), des Italienischen Verbandes der
Landschaftsarchitekten (AIAPP) und des Italienischen Instituts für Stadtplanung (INU). Im Jahr
2007 wurde er für sein ehrenamtliches Engagement im deutsch-italienischen Austausch mit dem
Verdienstkreuz am Bande ausgezeichnet. Zudem erhielt er den Halstenberg-Preis 2024, mit dem
die DASL Nordrhein-Westfalen seine außergewöhnlichen und wegweisenden Leistungen im
Bereich der Stadt- und Raumplanung würdigt. Seit 2023 ist er Mitglied der globalen Expertengruppe der Initiative Nature-Positive Cities des Weltwirtschaftsforums.
Andreas Kipar ist der Erfinder des „Raggi Verdi“-Modells in Mailand, das verschiedene Stadtteile
miteinander verbindet und eine neue Form der langsamen Mobilität vom Zentrum bis in die
Peripherie fördert. Dieses Modell, das international als wegweisend in der grünen Stadtplanung
anerkannt wurde, fand später auch in Essen, European Green Capital 2017, Anwendung.
Zu den wichtigsten Projekten von Andreas Kipar und seinem Team zählen: Porta Nuova und die
Umgestaltung des ehemaligen EXPO MIND-Areals in Mailand; die Strategie Urban Open Space und
der Krupp Park, der die Zentrale von ThyssenKrupp umfasst, sowie der Masterplan Freiheit
Emscher in Essen, European Green Capital; die Green-Infrastructure-Strategie für die Ruhr-Region; die Renaturierung des Airolo-Tals und der Cassarate-Flusspark in der Schweiz; der Saint-Laurent- Biodiversitätskorridor in Montreal; der Al Urubah Park in Riad und die Expo 2020 Dubai in den Vereinigten Arabischen Emiraten; der Deutsche Pavillon auf der Expo 2019 in Peking. Darüber hinaus berät er strategisch in den Bereichen Landschaft, Infrastruktur und erneuerbare Energien und beteiligt sich an Forschungs- und Innovationsprojekten.
Kipars Arbeit wurde mit mehr als 20 renommierten internationalen Preisen ausgezeichnet, darunter der Premio Mercurio, MIPIM Award, WAN Awards, die Biennale di Pisa, der Passive and Low Energy Architecture Award (PLEA) sowie der European Garden Award 2023

4. Stefan Forster
Dipl.-Ing. Architekt, Architekturbüro Stefan Forster Architekten, Frankfurt a.M.
Foto: © Lisa Farkas
Die Rückkehr zur Vernunft im Bauen.
Über mehr als ein Jahrzehnt herrschte im Wohnungsbau Ausnahmezustand: Die Nullzinspolitik bescherte der Bauwirtschaft einen Boom, der sich über weite Strecken selbst getragen hat. Immobilien wurden am Telefon verkauft, der schnelle Weiterverkauf heizte die Spekulation an. Die hohe Nachfrage führte bereits 2021 zu Materialknappheit und steigenden Baukosten. Mit dem Überfall auf die Ukraine verschlechterte sich die Lage allerdings rapide. Die Zinswende, gekoppelt mit weiter steigenden Baukosten, brachte den Wohnungsbau nahezu zum Stillstand. Erst jetzt rückt ins Bewusstsein, welche Strukturen und Standards diesen Markt über Jahre geprägt haben – und welche davon einer grundlegenden Prüfung bedürfen. Die Diskussion über Baukosten führt zwangsläufig zu den technischen Anforderungen, die sich über Jahrzehnte in einer kaum noch nachvollziehbaren Dynamik verschärft haben. Permanent aktualisierte DIN-Normen – häufig getrieben von Industrieinteressen – erzeugten einen Standardkreislauf: Bestandsgebäude gelten als technisch überholt, Neubauten müssen die nächste Stufe erfüllen.
Im Wohnungsbau hat dies zu Gebäuden geführt, die immer luft- und schalldichter, immer techniklastiger und immer kostspieliger wurden. Der Technikanteil liegt inzwischen bei weit über 30 Prozent der Baukosten – Tendenz steigend. Das Ergebnis sind Konstruktionen, die zwar normgerecht, aber oft lebensfremd sind. Die Frage, ob all diese Ausstattung den Alltag der Bewohner tatsächlich verbessert, wird selten gestellt. Dabei steckt hier der Kern des Problems. Wenn eine Wohnung heute als „kompakt“ gilt, hat das selten mit Suffizienz zu tun, sondern mit Vermarktungslogik: weniger Fläche bei gleichem Preis. Doch jenseits ökonomischer Zwänge lohnt sich ein nüchterner Blick auf unsere Wohngewohnheiten. Das Bild der Familie, die abends gemeinsam im Wohnzimmer sitzt, ist kulturell vertraut, entspricht aber längst nicht mehr der Realität. Wohnzimmer bleiben häufig ungenutzt, Schlafzimmer tagsüber ohnehin. Multifunktionalität bietet sich an – und ist technisch seit Jahrzehnten lösbar: Schiebetüren, flexible Grundrisse, klappbare Möbel. In den 1970er-Jahren wurde all das bereits durchdacht. Heute scheitert es vor allem an Förderlogiken und an überkommenen begrifflichen Vorstellungen vom „Standard“.
Dabei wäre die Kernfrage simpel: Was brauchen wir wirklich, und was ist lediglich angewöhnt? Brauchen wir 48 Quadratmeter Wohnfläche pro Person? Sind Menschen ohne hochgedämmte, luftdichte Gebäudehülle unglücklicher oder gar kränker? Und entsteht wirklich weniger nachbarschaftlicher Konflikt, nur weil wir uns akustisch vollständig voneinander isolieren? Wenn wir über die Suffizienz des Wohnens sprechen, dann ist damit auch gemeint, bestimmte Übertreibungen zu korrigieren. Braucht wirklich jede Wohnung dezidierte Abstellräume, oder reichen Nischen und intelligente Stauraumlösungen? Benötigt jede Wohnung überdimensionale und nur bei Sonnenschein nutzbare Balkone – oder sind Loggien, die den Wohnraum nach außen erweitern und Schatten spenden, vielleicht die bessere Lösung?
Gleichzeitig gilt es, einem Missbrauch des Suffizienzgedankens entgegenzutreten. Vorschläge wie Aufputzinstallationen, fehlender Innenputz oder das Verlagern der Erschließung ins Freie mögen rechnerisch Kosten sparen, führen aber letztlich zu einer sozialen Differenzierung über die Gebäudehülle. Es entsteht ein neuer Substandard, der noch hinter den Sozialen Wohnungsbau der 1970er-Jahre zurückfällt. Der soziale Status der Bewohner ist so wieder glasklar an der Architektur ablesbar. Suffizienz darf jedoch kein Instrument der sozialen Trennung werden.
Die extremen Anforderungen an den Schallschutz haben über die Jahre paradoxe Effekte erzeugt: Mieter und Käufer sind heute deutlich empfindlicher gegenüber Geräuschen, weil ihnen absolute Ruhe als Normalzustand vermittelt wird. Ohne Frage kann gerade starker Verkehrslärm die Lebensqualität in der Stadt stark beeinflussen. Das Ideal der völligen Stille steht aber im Widerspruch zu einer jahrhundertealten Praxis des urbanen Wohnens, bei dem eine gewisse Geräuschkulisse eben auch ein normaler Bestandteil des Lebens in der Stadt ist. Wer Altbauten kennt, weiß: Konflikte entstehen nicht zwingend durch Geräusche, sondern durch fehlende Kommunikation. Hier braucht es ein neues Normalmaß – ein Schallschutz, der ausreichend ist, ohne akustische Isolation als Ideal zu definieren.


Mit jedem neuen Regelwerk wurden die Hüllen unserer Gebäude dicker und komplexer. Der „Blower-Door-Test“ ist heute Standard, obwohl das Bedürfnis, Fenster zu öffnen, zu den elementaren menschlichen Verhaltensweisen gehört. Eine gewisse Grunddichtheit ist sinnvoll; eine technische Totalabdichtung ist es nicht. Ähnlich bei der Dämmung: Außendämmungen mit 20 cm und mehr sind längst üblich, obwohl der energetische Zusatznutzen ab etwa 15 cm kaum noch ins Gewicht fällt. Die verbreiteten Wärmedämmverbundsysteme sind zudem wenig langlebig, ökologisch fragwürdig und architektonisch problematisch. Ein Rückbesinnen auf massive Ziegelwände aus lokal verfügbaren Materialien wäre technisch wie ökologisch oft der bessere Weg – und vor allem nachhaltiger.
Barrierefreiheit ist eine gesellschaftliche Errungenschaft. Doch auch hier zeigt sich: Regelwerke wurden in kurzer Zeit mehrfach verschärft, oft ohne Rücksicht auf räumliche Konsequenzen. Die gewünschten Regelabstände sind oft überdimensioniert, obwohl in vielen Fällen das Umstellen der Möbel auch schon ausreichen würde.


Parallel zu den technischen Standards hat sich eine neue gestalterische Ästhetik etabliert, teils getragen von einer jüngeren Architektengeneration, teils öffentlich verstärkt durch Institutionen wie etwa das Deutsches Architekturmuseum in Frankfurt. Viele dieser Projekte inszenieren sich als radikal nachhaltig und zirkulär. Doch Zirkularität ist keine Neuerfindung – die Wiederverwendung von Baumaterial ist seit Jahrhunderten fester Bestandteil architektonischer Praxis.
Fragwürdig wird es, wenn Gebäude nur noch auf eine Lebensdauer von 30 Jahren ausgelegt und vollständig demontierbar geplant werden. Das widerspricht dem Grundgedanken der Ressourcenschonung. Nichts ist nachhaltiger als ein Gebäude, das für die Ewigkeit gedacht und gebaut wurde. Langlebigkeit entsteht aber nicht allein aus Konstruktion. Sie entsteht aus einer Architektur, die ästhetisch Bestand hat – die Teil des kollektiven Gedächtnisses einer Stadt wird und eben deshalb erhalten bleibt. Der Wohnungsbau steht an einem Wendepunkt. Die Krise zeigt nicht nur ökonomische Schwächen, sondern offenbart grundlegende Fehlentwicklungen in der Standardsetzung, der technischen Überoptimierung und im Verständnis von Nachhaltigkeit. Suffizienz bedeutet nicht Verzicht. Sie bedeutet, das rechte Maß wiederzufinden – technisch, sozial und gestalterisch.
Wenn wir Gebäude bauen, die weniger reguliert, weniger technisiert und zugleich langlebiger, flexibler und alltagstauglicher sind, gewinnen alle: die Bewohner, die Städte und nicht zuletzt die Ressourcen, die wir sparsam einsetzen müssen. Das Ziel ist nicht die Minimierung, sondern die Rückkehr zur Vernunft im Bauen.

Stefan Forster zählt zu den renommiertesten Wohnungsbau-Architekten in Deutschland. Nach dem Studium an der TU Berlin und der IUAV-Universität Venedig sowie ersten beruflichen Stationen in Berlin und Mannheim gründete er 1989 das Büro Stefan Forster Architekten. Mit rund 30 Architektinnen und Architekten widmet es sich den Themen städtischer Wohnungsbau, Stadtumbau und Transformation. Von 1988–1993 war Stefan Forster zudem Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Wohnungsbau der TU Darmstadt.
