Reduktion …

auf das Wesentliche.

Reduktion auf das Wesentliche

von Kristina Raderschad

Das Empire Riverside Hotel in Hamburg bietet spektakuläre Ausblicke. Wer genug gesehen hat, zieht einfach den Vorhang zu: ein erstaunliches Produkt modernster Textiltechnik von Kvadrat.

Auf dem Gelände der ehemaligen Bavaria-Brauerei in St. Pauli öffnete Anfang November ein Hotel der Extraklasse seine Türen: Das Empire Riverside, entworfen vom britischen Star-Architekten David Chipperfield, ragt unweit der Landungs-brücken als 65 Meter hoher Turm in den Himmel über der Hansestadt. Aus den knapp 330 Zimmern und Suiten auf 20 Stockwerken bietet sich ein spektakulärer Blick über die Elbe und das Hafengebiet. „Der Standort des Hotels zwischen Hamburger Innenstadt, dem historischen Kiez St. Pauli und der Hafencity ist einmalig“, erklärt Christoph Felger, Design-Direktor im Büro Chipperfield Berlin. „Bei der Konzeption ging es uns daher vor allem um die Frage, wie man den Gast an dieser traumhaften Lage teilhaben lassen kann.“ Der unverbaubare Ausblick wurde zum Auslöser für die gesamte Gestaltung von Hotelarchitektur und Inneneinrichtung.

Hinter einer streng gerasterten Fassade aus Glas und Bronze sind die Zimmer ruhig und klar gestaltet, mit Einbauten aus edler Räuchereiche zu weißen Wänden. Ebenso weiße Vorhänge rahmen die raumhohen Fenster; nicht ein Bild an der Wand stört die puristische Innenrauminszenierung, einzig der rote Teppichboden setzt einen Farbakzent. „Hotels in schwierigen Lagen muss ich im Innern spektakulär inszenieren. Im Empire Riverside Hotel dagegen hält sich die Einrichtung zugunsten der Inszenierung des Außen-raums völlig zurück“, begründet Design-Direktor Felger die konsequent reduzierte Gestaltung. Der Ausblick aus jedem einzelnen Hotelzimmer auf das Hafenpanorama mit den ankommenden Schiffen setzt tatsäch-lich die Standards für dieRaumgestaltung. Wände und Decken werden zum neutralen Passepartout für den im Wechsel der Tageszeiten immer wieder neu erscheinenden urbanen Kontext. Das reduzierte Design des Empire Riverside Hotels kommt dabei einerseits der typischen Arbeitsweise David Chipperfields entgegen, der durch moderne, schnörkellose Bauten wie die Des Moines Public Library in Iowa, USA oder das Gebäude der Parkside Apartments am Potsdamer Platz in Berlin bekannt geworden ist und der in der deutschen Hauptstadt gerade die Museumsinsel zu neuem Leben erweckt. Und bringt außerdem auf den Punkt, was nach Meinung des Architekten das Hotelzimmer der Zukunft vor allem sein sollte: Ein behaglich-funktionaler Ort jenseits von futuristischen Formen oder über-triebenem Hightech-Equipment, mit dem sowieso kaum ein Gast umzugehen weiß.


Riverside

„A space pared down to essentials“ gestaltete David Chipperfield bereits im Designhotel Puerta America in Madrid, das 2006 eröffnet wurde – „a simple, but very welcoming space“: Einen fast klösterlich anmutenden Raum mit harten Schwarz-Weiß-Kontrasten und strikt geometrischer Anordnung der Möbel auf einem Boden aus schmalen schwarzen Terrakottafliesen, der das Barfußlaufen zur Wohltat macht. Dass das Design der Zimmer im Empire Riverside Hotel ebenfalls auf das Wesentliche reduziert ist, bedeutet keineswegs ein Minus an Komfort – im Gegenteil. „Im Schnitt hält sich ein Gast in einem Konferenz- und Geschäftshotel wie diesem nur anderthalb Nächte auf“, weiß Christoph Felger. „Da gehört es zum Wohlfühlkonzept, dass sich unmittelbar nachvollziehen lässt, wo sich was befindet und wie was funktioniert. Die Dinge sollten selbsterklärend sein.“ Lowtech statt Hightech, -Reduktion statt Überfrachtung – „im Prinzip ist der Raum fast undesigned“, stellt Felger fest. „Wir positionieren uns mit unserem Gestaltungskonzept sozusagen nach dem Design.“ Und ganz nah am Hotelgast: Funktional und wohnlich lädt die Einrichtung zum Ankommen, Entspannen und Wohlfühlen im Zuhause auf Zeit ein. Die durchdachte Planung nutzt den vorhandenen Platz – rund 26 Quadratmeter in den Standardzimmern – optimal aus.

Vom Eingangsbereich mit Garderobe geht es durch eine Schiebetür gegenüber dem großen Ankleidespiegel in das mit weiß-grauen Mosaikfliesen gestaltete Bad. Ob er die Intimität eines geschlossenen Raumes oder die Großzügigkeit eines zum Zimmer hin offenen Badbereiches bevorzugt, kann der Gast soselbst entscheiden. Zum Aufenthalts- und Schlafbereich hin steigert sich die Raumhöhe von 2,35 Meter auf großzügige 2,70 Meter, gleichzeitig öffnet sich der Blick auf das Hafenpanorama an der Stirnseite des langrechteckigen Zimmers. Die Möbel aus dunklem Eichenholz staffeln sich nach ihren Höhen vor der Fensterfront, so dass auch zwei Personen gleichzeitig von Tisch und Bett aus den Ausblick genießen können. Die bodentiefen Glaselemente werden unterbrochen vom Raster der Bronzefassade. „Zwischen den feststehenden Glasflächen kann der Gast Flügel öffnen und so frische Luft und die Geräusche des Hafens ins Zimmer holen“, sagt Felger, für den diese Option so selbstverständlich zum Raumkomfort gehört wie die Möglichkeit zur Verdunklung.


Riverside-Zimmer

Wer sich Abgeschirmtheit wünscht, kann den Vorhang ent-lang der Fensterfront komplett zuziehen. Die Sonderanfertigung des international aufgestellten Stoffherstellers Kvadrat wirkt auf den ersten Blick wie ein leichtes hauchzartes Textil, verbirgt dabei auf der Rückseite eine ausgeklügelte Beschichtung: „Eine flauschige weiße Beflockung sorgt dafür, dass der Vorhangstoff zu hundert Prozent lichtdicht wird“, weiß Frank Oehmichen, Vertriebsleiter Contract bei der Kvadrat GmbH, „auf diese Weise wirkt er zugleich wärmedämmend.“ Rund ein Drittel aller Produkte des Textilprofis mit Sitz in Bad Homburg, der eng mit Designern, Architekten und Projektentwicklern zusammenarbeitet, sind Spezialanfertigungen – auch und insbesondere für den Sektor Hotel. „Textilien sindsozusagen das Gesicht des Raumes,“ sagt Oehmichen mit Überzeugung. „Sie haben eine nicht zu unterschätzende emotionale Wirkung und können somit entscheidend dazu beitragen, dass wir uns in einem Zimmer wohl fühlen.“ Gerade in Hotelzimmern, die eine Heimat auf Zeit bedeuten, spielen Textilien daher seiner Meinung nach eine wichtige Rolle. In einem Hotel wie dem Empire Riverside mit Businessgästen aus aller Welt, die ganz unterschiedliche Geschmäcke und Vorstellungen von Gemütlichkeit haben, ist – da sind sich Architekt und Textilprofi einig – bei der Farbwahl Zurückhaltung und Neutralität gefragt. Neben den weißen Spezialvorhängen fand in den Zimmern des Empire Riverside Hotels außerdem eine dunkelgraue Mikrofaser von Kvadrat als Bezugsstoff der Sitzbänke Verwendung. Die trägt den vielsagenden Namen „Glove“ und fühlt sich tatsächlich an wie samtweiches Handschuhleder. Das Hotelzimmer der Zukunft ist also jenseits aller modischen Trends vor allem eins: ein Ort, an dem man sich gut fühlt, entspannt und zur Ruhe kommt.


Kristina Raderschad studierte Innenarchitektur in Düsseldorf und war erst als Freie Auslandskorrespondentin in Mailand, dann als Redakteurin bei der Zeitschrift Schöner Wohnen tätig. Heute schreibt sie als Autorin für Zeitungen, Zeitschriften und Buchverlage in den Bereichen Architektur und Design. Sie lebt in Köln.


Anzeige