Nicht My Space – iSpace!
Schnittstelle des Wissens und ein Ort von Ästhetik für Substanz

Mike Meiré im Gespräch mit Inken Herzig
Mike Meiré, Künstler, Art-Direktor und Denker, inszeniert seit zehn Jahren rituelle
Bad-Architektur für Dornbracht. Für ihn ist »Das Hotel der Zukunft« Schnittstelle des Wissens
und ein Ort von Ästhetik für Substanz. Im Gespräch mit Inken Herzig plädiert er für das iHotel.
KAP-Magazin: Was ist für Sie im Hotel wichtig?
Mike Meiré: Im Hotel will ich in erster Linie ein gutes Bett haben. Und daneben gibt es Dinge, die ich bekämpfe: Prospekte, den Fernseher, das brauche ich alles nicht. Was ich mir dafür wünschen würde? Die gefälschte Kunst müsste weg. Warum zeigt man nicht echte Editionen? Ich vermisse oft den für-sorg-lichen Gedanken, im Sinne einer fortschrittlichen Kultur.
Sie sind viel unterwegs – wie sind Ihre Erfahrungen mit dem Thema Hotelbad?
Ich bin erschrocken, was im Bad passiert. Eine simple Geschichte: der Lichtschalter. Plötzlich steht man mitten im grellsten Licht, geblendet wie bei einem Verhör. Ich verstehe nicht, warum Planer nicht mitdenken. Der Gast will doch ein Ersatz-Zuhause haben.
Was würden Sie einem Innenarchitekten und Planer raten?
»The shell«, eine Art »Beschütztsein« – das wär mein Ansatz. Man lebt temporär in einer fremden Stadt, geht shoppen, erfährt viele neue Eindrücke, ist erschöpft und das Zimmer soll einen willkommen heißen. Das fängt für mich mit dem Ritual der Fußwaschung an. Eine kleine Bank in der Dusche, in der ich mir die Füße waschen kann. Dazu Licht, das man dimmen kann. Keinen Fernseher, sondern ein Laptop von Apple, an dem ich mein iPhone oder meinen iPod anschließen kann. Dazu möchte ich wenig Möbel. Eine Werkbank, einen Tisch für Notizen. Alles aufgeräumt, übersichtlich. Ich möchte die Präsenz eines Gedankens fühlen, den man sich für mich als Gast gemacht hat, und der so gut durchgeführt ist, dass ich morgen gleich wieder buchen möchte.
Wie sollte ein gutes Hotelbad aussehen?
Die Badewanne ist ein »Must« – dort kann man relaxen. Der Albtraum: Ganz viele arbeiten noch mit traditionellen Duschabtrennungen. Ich möchte keine Wanne, in der ich duschen muss; keinen Vorhang, der sich um mich wickelt. Ich möchte eine Wanne UND eine Dusche, in der man sich bewegen kann. Ein paar Quadratmeter mehr fürs Bad und bitte, bitte ein Fenster.
Rituale in der Architektur sind unter anderem Ihr Thema. Kann man die auch im Hotelbad realisieren?
Natürlich. Das Bad wird zu oft als Nasszelle definiert und meist im Baukörper nach innen gelegt, um Kosten zu sparen. Aber das Bad ist ein Lebensraum, es braucht ein Fenster. Dazu gehört für mich das passende Licht. Wenn ich in der Badewanne liege, möchte ich keinen Scheinwerfer auf dem Bauchnabel sitzen haben, sondern ein Licht, das Intimität schafft. Oft fehlt es an Sensibilität. Viele Innenarchitekten verfolgen die Idee von Anreichern, noch ein Sessel, noch eine Stehlampe. Das ist der falsche Weg. Deshalb Ritual-Architektur: in seelisch, kulturellen Dimensionen denken und planen.
Trendprophetin Li Edelkoort sieht das Thema Haut als das Zukünftige – hat es auch Bedeutung im Hotel?
Auf jeden Fall. Haut ist die Schnittstelle zwischen mir und der Umgebung. Die Bad-Architektur produziert viel zu oft »materielle Konflikte«, an denen ich mich störe. Sie ist oft nicht subtil. Ich möchte keine überdimensionierten Haltegriffe sehen, die mich daran erinnern, dass ich ausrutsche, mich verletzen könnte. Ich möchte die Verletzungen von vorneherein ausgeschlossen haben.
Auf welche Hotel-Philosophie setzen Sie?
Ich möchte nichts, was gut aussieht, aber nicht funktioniert. Ich möchte eine intelligente Gestaltung, es muss inspirieren. Design-Hotels sollten Werte für den Raum gestalten, müssen aus der Postmoderne herauskommen. Es geht doch nicht um einen Kreativwettbewerb!
Ich hoffe, es gibt bald Hotels von Apple. Apple hat doch bewiesen, wie innovative Funktionen und Design zusammengehen. Minimalistisch, aber Komplexität nicht negierend, intuitive Benutzerfreundlichkeit, einfach smart. Ein iHotel, ein iSpace, die sinnhaft sind. Sophisticated High-Touch. Sich dieses als Raum vorstellen zu dürfen, ist spannend. In einem solchen Design möchte ich übernachten. Nicht my space – iSpace!
Wie sollte das iHotel funktionieren?
Das iHotel müsste funktionieren wie ein Quality-Gate. Kulturelle Software würde individuell kuratiert werden. Berlin zum Beispiel steht zurzeit neben Politik für Kunst, Architektur und Redaktionen. Vanity Fair, Qvest, AD, Monopol, Liebling und natürlich 032c. Solche Magazine im Zimmer und keine pseudo-relevanten Hefte oder gar angegrabbelte Lesezirkel.
Könnten das nicht auch normale Designhotels?
Designhotels und klassische Grandhotels oktroyieren Stil. Den will ich aber vielleicht gar nicht. Der Hausherr mag es ja schön finden – aber weiß ich, ob der nicht ein Kegelbruder ist? Apple hat eine neue Form von Verhalten definiert. Designhotels sind oft eindimensional. Sie sind nicht prozessintelligent. Sie sehen beeindruckend aus, aber am Ende geht es um Lebensqualität. Viele Designhotels müssten im Service professioneller sein. In ihrer Komplexität sogar progressiver, vorausdenkender! Sie müssten sich als urbane Orte verstehen, an denen aktuelle Kulturcodes performen. Ernährung, Musik, Medizin, Fitness, Fashion, Kunst, Architektur. Ich möchte den nächsten evolutionären Schritt von »Selfness« zu »Fulfilness« spüren. Celebrate complexity – ich möchte Menschen sehen, die von innen lächeln.
Sie haben selbst gerade ein Stück Spa-Zukunft entwickelt – wie sieht sie aus?
Es ist das Sound-Spa. Eine akustische Aura-Dusche – duschen, ohne nass zu werden. Die Reinigung findet mit Sound statt. Das Spa wird im KAP Forum als Station aufgebaut, sozusagen als Concierge-Service. Das Sound-Spa selbst ist in unserer Factory in Köln. Fünfzehn Menschen können dort gleichzeitig liegen. Filme werden an die Decke projiziert, Man ist an einem anderen Ort und kann abtauchen …
Das fände ich stimulierend: im Hotelzimmer liegen und an der Decke einen Sound-Space visuell zu erleben. Das Sound-Spa im Hotel der Zukunft. Ich ritualisiere Abläufe, strukturiere Emotionen über Akustik.
Steckt dahinter, dass wir schon das Thema Auszeit und Entspannung anders denken müssen?
Learning vacations. Ja, wir müssen Hotelzeit anders denken. Auszeit muss stimulieren und body und mind qualifizieren. In der Regel kommt man doch im Hotel an und ist bereits auf Speed. Man wird irgendwie empfangen und die Lobbyatmosphäre soll mich umgehend »grounden«. Nein, ich will nicht grounden, ich will kulturelle Komplexität! Hotel als Essenz einer intelligenten Welt im Aufbruch. Ich möchte medial stimuliert werden.
Wie könnte gelebte Kultur für eine bessere Welt im Hotel konkret aussehen?
Warum kombinieren wir nicht Hotelaufenthalt mit Bildung? Hotels könnten Bildungs-Schnittstellen sein. Man kann sich überall vernetzen. Muss mehr in Elektronik investieren. Die muss faszinieren. In unseren Hotels gibt es zuviel Materie. Eichenschränke, Eisenklinken – stattdessen wünsche ich mir intelligente Zellen-Elektronik. Design ist Geschmack. Ich gehe in die nächste Ebene: Ästhetik für Substanz – das wäre das iHotel.
Das Hotel der Zukunft ist ein virtuelles?
Das Hotel der Zukunft ist eine sinnliche, digitale Schnittstelle zur urbanen Bewegung des Lebens.
Sind die Tage für Designhotels gezählt?
Designhotels könnten kuratiert sein, eine Hotelbibliothek zum Beispiel, zusammengestellt von jungen Schriftstellern oder mit einer Filmbibliothek, kuratiert von modernen Filmemachern. In den Zimmern echte Holzböden, eine Treca-de-Paris-Matratze, ein Cashmere-Sofa. Mehr nicht. Entmaterialisiert – nicht zuviel Materie in den Räumen. Das wünsche ich mir.
Mike Meirés Tipp für unterwegs:
Mein iPod ist mein emotionales Archiv. Dazu linke ich den mobilen Kopfhörer von Bose, er filtriert die Umweltgeräusche. Man fühlt sich wie unter einer Glocke, beschützt.
