VON DER OBERFLÄCHE …

zur Oberflächlichkeit

Designhotel?

von Tomas Niederberghaus

Das Problem der Designhotels ist das Design selbst, findet Hotelkritiker Tomas Niederberghaus. Oberflächen können für ihn Metaphern für Oberflächlichkeit werden. Er plädiert für Service und Gemütlichkeit.

Designhotels haben oft etwas Tragisches. Das liegt daran, dass Designer das Wesentliche in Hotels wegdesignt haben. Es ist zum Beispiel möglich, dass man im Bett liegt und verzweifelt den Lichtschalter sucht, den es nicht mehr gibt, weil die Wände glatt und makellos auszusehen haben, oder dass man sich fragt, wohin wohl der Föhn verschwunden ist. Im Gegensatz zum Markt der Wohnaccessoires, wo beispielsweise die Leuchte von Karl Wagenfeld den Kronleuchter nicht überwinden, sondern letztlich nur ergänzen sollte, geht man in der Designhotellerie aufs Ganze: Man sorgt für eine Rundumästhetisierung und versucht, Emotionen, Wünsche und Sehnsüchte mit Oberflächen zu bedienen. Als da sind: Glas und Marmor, kalt und glatt wie Eis, sowie Beton, roh wie eine Tiefgarage. Diese Oberflächen stehen auch als Metapher für eine Oberflächlichkeit. Sie täuschen über das Wesentliche eines Hotels hinweg, nämlich den Service.

Ich war unlängst in einem Hotel in Wien. Eine junge Rezeptionistin führte mich nach kurzer Begrüßung in den falschen der beiden Aufzüge, geisterte mit mir durch die Flure auf der Suche nach meinem 325-Euro-die Nacht-Zimmer und ihr Kollege erklärte auf meine Frage, warum denn die Sauna im Spa nur 40 Grad warm sei: »Schütten Sie einfach Wasser auf den Ofen, dann wird es wärmer«. Der Cappuccino am nächsten Morgen wurde lauwarm serviert und der frisch gepresste Grapefruitsaft für 6,50 Euro war Stunden zuvor in kleine Gläschen abgefüllt worden. Dafür glich das hoteleigene Restaurant einer dänischen Angestelltenkantine und einige der Zimmer wurden mit Neon beleuchtet. Der Guest-Relation-Manager des Hauses, ein junger Mann, der aus der Filmbranche kam und zuvor noch nie in einem Hotel gearbeitet, vielleicht noch nicht einmal genächtigt hatte, war dennoch vom Design, wie er sagte, fasziniert. Noch Fragen?

Man hätte aufhorchen sollen, als die Bilderstürmer der ersten Stunde, Steve Rubell und Ian Schrager, nach der Schließung ihres legendären New Yorker Nachtclubs Studio 54 und einem Gefängnisaufenthalt wegen Steuergeschichten wieder auf den Plan traten und im Jahre 1984 an einem unbedeutenden Abschnitt der Madison Avenue das Morgans eröffneten. Rubell sagte damals, dass das Morgans als Hotel von morgen die Disco von heute ablöse. Die Party sei noch nicht zu Ende. Und wie man weiß, zeichnen sich Partys nicht gerade durch Tiefsinn aus!

Das Problem der Designhotels ist das Problem des Designs selbst: Im Wahn einer schönheitssüchtigen Gesellschaft sollen die Objekte zu Fetischen und vor allem massenkompatibel werden. Ein Guru unter der Designszene hat ein-mal gesagt: »Bisweilen stellt sich der Eindruck ein, dass ein Designer, der auf zwei Minuten Ruhm spekuliert, sich verpflichtet fühlt, eine neue Etikette zu erfinden, die als Brand dient, um sich vom Rest der Designangebote abzusetzen.« Da ein Mann wie Philippe Starck jedoch nicht nur auf zwei Minuten Ruhm spekuliert, sondern seit Jahren ein Hotel nach dem anderen einrichtet,natürlich mit Starck-Stuhl, Starck-Wasch-becken und Starck-Flaschen, sprießen Designhotels schneller als Champignons aus dem Boden. In den 90er Jahren kam die design hotels AG mit einem kleinen Katalog auf den Markt. Gerade hat das Unternehmen in seinem inzwischen backsteinschweren Jahrbuch allein 38 Neuzugänge für das Jahr 2008 vorgestellt. Deren Chef, Claus Sendlinger, macht jedoch kein Geheimnis daraus, dass 70 Prozent der neuen Hotels zum Zeitpunkt ihrer Aufnahme in den Marketingverbund und ins Jahrbuch noch gar nicht eröffnet, sondern erst in Planung sind. Was so viel heißt wie: Vom Service kann noch gar nicht die Rede sein.


Vigilius Mountain Resort, Fassade

Es gibt selbstverständlich großartige Designhotels. Sie funktionieren jedoch nur deshalb, weil sie zum einen in den Raum oder die Landschaft oder die Historie eingebunden sind, das heißt regionale Bezüge herstellen und sich somit von der Austauschbarkeit und Oberflächlichkeit anderer Designhotels abheben, und zum anderen, weil die Betreiber aus dem klassischen Hotelgewerbe kommen und der Servicegedanke ihre treibende Kraft ist. Ein solches Hotel ist beispielsweise das Vigilius Mountain Resort in Südtirol. Es ist eine Inszenierung der Dolomiten, der Berge, der Bäume, liegt wie ein lang gestreckter Ast auf dem Vigiljoch, 1500 Meter über der Stadt Meran. Neben warmen Hölzern und hellem Naturstein und Kuhfellen und Kamin erblickt das Auge schlichte Bänke aus drei Brettern sowie Stubentische und entsprechende Stühle – Archetypen, die der Architekt und Designer Matteo Thun von den Bergbauern kopiert hat.


Vigilius Mountain Resort, Pool

Thun jedoch distanziert sich inzwischen von der Bezeichnung Designhotel. Er sagt: »Ein Designhotel garantiert keine ästhetische und technische Dauerhaftigkeit.« Um der Oberflächlichkeit entgegenzuwirken und zur Gemütlichkeit zurück-zukehren, greift er in seinen neuen Hotels auf Zitate aus der barocken Welt zurück. Und selbst die Designhoteliers der ersten Stunde agieren ähnlich. Ian Schrager hat in einem Interview vor einiger Zeit eingeräumt, dass ihn ein Aufenthalt in einem seiner Hotels der ersten Stunde inzwischen langweile (»I would be bored to stay in some of my old hotels.«). Sein neueres New Yorker Gramercy Park Hotel erklärt er deshalb als »Antithese zu hip«. Statt dreibeiniger Stühle und Linoleumböden traf ich dort überraschend auf tiefe Samtsofas, flauschige Kissen, venezianische Leuchten, Stuckwände und Farben wie Ochsenblutrot. Und vor allem auf einen ausgezeichneten Service. Möglicherweise kann Schrager, der mit seinen 60 Lenzen inzwischen ja auch kein Partykind mehr ist, auf den Designer-stühlen nicht mehr sitzen, Rückenprobleme, man kennt das.

Wie glaubwürdig Design ist und wie sehr es sich von Oberflächlichkeiten verabschiedet, hängt von seiner Verständlichkeit, seiner Funktionalität und nicht zuletzt von seiner Verbindlichkeit ab. Vor allem in Hotels.


Tomas Niederberghaus ist Autor und Hotelkritiker der Wochenzeitung Die Zeit. Bei Eichborn Berlin erschien von ihm 2006 das Buch Menschen in Hotels.