Meinungsgipfel
Ich will einfach nur schlafen …

von Paolo Tumminelli
Bei Hotels werde ich Romantiker, denn ich bin in einem Kurort aufgewachsen, dessen Ruhm durch wunderbare Etablissements entstanden ist. Zu meiner Kindheit war die Belle Époque längst vergangen, dennoch bewahrten die stolzen Bauwerke, zwischen See und Bergen, mit Türmen und Arkaden, ihre einstige Würde. Von Ostern bis zu Allerheiligen dehnte sich die Saison und man durfte am Sonntagmittag wieder ins „Grand“ zum Aperitif. Americano oder Campari für die Erwachsenen, Aperol oder Pomodoro für die Kinder. Dazu Schälchen mit grünen Oliven, die nirgendwo frischer zu sein schienen.
Das war alles, denn im Hotel zu wohnen brauchte man nicht – schließlich lebte man einen Katzensprung davon entfernt. Bewohnt wurden die Denkmäler von deutschen Familien mit grauen Omas und Kindern, blond wie aus der Coppertone-Dose. Später animierte uns die verwaiste Wintersaison zum Entdecken, denn an den unendlich kalten Nachmittagen brachen wir in die heruntergekommenen Häuser ein, um durch die leeren Hallen, Säle, Küchen und die zahllosen Zimmer zu wandern – Stanley Kubrick hatte „Shining“ noch lange nicht herausgebracht.
Wenn ich also an Hotel denke, dann mit Patina, Herz und Seele. An diese großzügigen Häuser mit quietschenden Parkettböden, hohen Stuckdecken und zeitlos-biederer Einrichtung. Und die mit geprüfter Qualität. Denn damals wussten die abgeordneten Architekten und die amtierenden Direktoren noch, wie man Räume zum Wohlbefinden der Gäste herrichtet. Schließlich pflegten die besten Häuser gar einen Kommissar zu beschäftigen, der jede Nacht in einem anderen Zimmer verbrachte und darüber berichten sollte, ob und wie gut er geschlafen habe. Denn Hotels sind eigentlich dafür da, dass man(n) schläft – und zwar am liebsten gut. Vor allem der zum Business-Traveller mutierte Gast bräuchte eigentlich nicht mehr und nichts anderes. Meistens kommt er am späten Abend an und reist morgens früh weg. Das oft eine ganze Woche lang, jeden Tag eine neue Adresse. Für „Amenities“, Vorzüge, wie Saunen, Schwimmbäder und Bars gibt es kaum Zeit – und sie haben ohnehin völlig unbrauchbare Öffnungszeiten.
Zur Entspannung bleibt also nur das Zimmer und zumindest das soll perfekt sein. Die Matratze wird als Erste getestet: Nach der Renovierungswelle der 90er sind die meisten gut. Außer in Italien, wo Fakire und Zwerge angeblich noch die Größtzahl der Gäste bilden. Mit dem Kissen wird es noch schwieriger, denn darüber, wie vieleKöpfe der Mensch hat und wie groß diese sind, herrscht unter Inneneinrichtern immer noch keine Einigung. Zuletzt bot mir ein Hotel genau acht Kissentypen an – leider passte keines davon. Im Bett dann. Licht ausmachen (warum gibt es immer eine Leuchte, die man vom Bett aus nicht ausschalten kann?), also Mäusekino bewundern. Es blinken folgende LEDs: Fernsehgerät, Rauchmelder an der Decke, Klimaanlage, Minibar, Türkartenleser. Mit militärischer Präzision gilt es, mit der wertvollen Werbeliteratur jegliche Störquellen zu verdecken, wobei Klimaanlage und Minibar lieber direkt ausgeschaltet werden sollten – bei Bedarf durch Kabelziehen – denn sie sind auch akustisch eine Qual (schließlich schläft man auch zu Hause weder in der Küche noch im Heizkeller).
Kaum wurde die Nacht überstanden, ist man wieder wach. Und zwar ohne den Wecker stellen zu müssen, denn egal wie viele Sterne ein Haus trägt, spätestens um 8:00 Uhr (darauf ist Verlass) weckt eine laute Putzkolonne alle Gäste. Aufgabe eins: Bad aufsuchen. Falls es ein Badezimmer gibt, denn neuerdings spart man sich im Namen eines coolen Lifestyles auch schon die Trennwand. Aufgabe zwei: Ich bete beim Betreten des Bads, dass keine Architektin am Werk gewesen sei. Denn Architektinnen, so vermute ich, rasieren sich nicht und demnach ist es ihnen egal, ob die Spiegelgarnitur zur männlichen Morgenpflege taugt. Aufgabe drei: die Suche nach einer passenden Stelle fürs Guten-Morgen-Yoga. Zwar würden dafür zwei Quadratmeter reichen, doch beide an einem Ort zu finden, scheint fast unlösbar. Denn Zimmer werden nicht nur immer kreativer gestaltet, sondern sind auch immer voller. Bett, Tisch, Stuhl, Sessel, Bar, Kofferträger, Stehlampe und sämtliche Einrichtungen füllen die Räume so an, dass es kaum möglich wird, eine unverbrauchte Ecke aufzuspüren. Erst wenn alles gelöst ist, kann man sich etwas gönnen: Aufgabe vier: der Duschspaß. Egal was man tut, die Dusche wird überall spritzen und lecken und den Boden in ein Schwimmbad verwandeln. Da sind die „Umwelt-zuliebe“-Hinweise nutzlos wie zynisch. Man braucht sämtliche Tücher, um das Bad einigermaßen trocken zu verlassen!
Sie merken, ich habe kein Wort darüber verloren, wie schön oder hässlich die Inneneinrichtung war. Wissen Sie, es war dunkel, ich hab sie nicht gesehen. Ich wollte einfach nur schlafen …
Paolo Tumminelli, 40+, wuchs in Gardone am Gardasee auf, studierte Architektur in Mailand und war vielerorts im Marketing tätig. Mittlerweile lebt er in Köln, ist Geschäftsführer von Goodbrands, Design-Professor, Handelsblatt-Kolumnist und vielfacher Autor.
