Meinungsgipfel
Ich hätte so gern einen Butler …

von Uta Brandes
Normalerweise, so meine Behauptung, bin ich weder besonders kapriziös noch prätentiös. Aber wenn es um Hotels geht, habe ich sehr genaue Vorstellungen darüber, wie ein Hotel sein sollte. Ohne langes Nachdenken fallen mir jede Menge Dinge ein, die ich vorzufinden wünschte. An der konjunktivischen Formulierung lässt sich bereits ablesen, dass viele meiner Wünsche bisher an der Realität von Hotelzimmern scheiterten.
Also beginnen wir mit den einzelnen Produkten; viele dienen – ich muss es zugeben – zumindest auch (aber nicht nur) der Eitelkeit. Ich verlange (und vermisse häufig): Ganzkörperspiegel, „Rückspiegel“, genügend und ausreichend differenzierte Bügel (für Blusen, Hosen, Röcke …) und insgesamt sehr viel Ablagefläche sowohl im Zimmer selbst als auch vor allem im Bad. Je mehr unterschiedliche Ablageflächen (im Schrank, im Schreibtisch, am Bett, am Tisch, bei den Getränken) existieren, desto ordentlicher erscheinen mir meine eher chaotischen „Ausdehnungen“ und desto unbesorgter bin ich, alles jederzeit zu finden.
Und erst im Bad! Sehr selten reicht die Ablagefläche für die Hygiene- und Kosmetikprodukte. Meist beginne ich mit dem Zusammenräumen der vom Hotel zur Verfügung gestellten Badartikel, um Platz für die eigenen zu schaffen. Oft muss ich die – und manchmal sogar noch Teile meiner eigenen Kollektion – in das Hotelzimmer auslagern, so dass ich dann morgens oder abends hin- und herrenne, bis ich badtechnisch fertig organisiert bin. Und selbst wenn einmal genügend Abstellfläche vorhanden sein sollte, dann doch gern dort (nämlich im Bereich des Waschbeckens), wo die Produkte auf jeden Fall die Chance erhalten, bespritzt und durchnässt zu werden. Daher stimmt es mich zufriedener, wenn etwa unterhalb der Waschkonsole viele leicht bewegliche Schubladen angebracht sind, oder aber das Badezimmer so groß ist, dass sich zusätzlich Schränke oder Regale in gebührender Entfernung von den Nassbereichen finden.
Apropos Dusche: Mich verlangt es nicht nach einer Badewanne, sondern nach einer riesigen, ebenerdig begehbaren Dusche, in der das Wasser von oben und den Seiten wie ein Wasserfall auf mich niederprasselt, ich mich also im Regenwald wähne. Ganz sicher möchte ich keinen dieser gestalterisch wie hygienisch ekligen Plastikvorhänge, der sich während des Duschaktes geradezu insistent-liebevoll an den Körper schmiegt. Und wenn ich Wasserfall schreibe, dann meine ich das auch so und verstehe darunter kein Rinnsal, bei dem ich den Tropfen hinterherhecheln muss, um nass zu werden. Auch gefällt mir gut, wenn ich nach dem Duschen auf trockenem Terrain landen darf, das mir nicht nur eine trockene Badematte und ebensolche Pantoffeln, sondern einen insgesamt trockenen Fußboden beschert. Die Pantoffeln müssen selbstverständlich vom Hotel gestellt, angenehm begehbar, aus dichtem Material, mit Gummisohle versehen sein und täglich erneuert werden. Deren vollkommenes Fehlen ist übrigens ein häufiges Ärgernis selbst teurer und reichlich sternenbewehrter Hotels in Europa – in Asien dagegen ganz undenkbar. Wie ich überhaupt Ausstattung, Service, Größe und Großzügigkeit in asiatischen (insbesondere japanischen, Thai- und Hongkong-)Hotels immer wieder als wesentlich besser erfahre.
Ich müsste noch so viel mehr schreiben, was ich mir von einem auf meine Bedürfnisse und Interessen abgestellten Hotel wünsche: Atmosphäre, Duft, neben dem Fernseher keine auf Männer orientierte Aufsteller (!), die für Pay-TV-Pornokanäle werben, gutes und differenziertes Licht. Und, bitte sehr, frauentypische Sonderservices: Bereithalten von Strumpfhosen und kleinem Schwarzen ebenso wie von frauenspezifischen Hygieneprodukten, Valet Parking – und eine oder mehrere Personen, gern weiblichen Geschlechts, denen ich vertraue, die mir kompetenten, persönlichen, Vertrauen erweckenden Service und entsprechende Informationen zu unterschiedlichsten Bereichen anbieten; und und und … aber mehr Schreibplatz hat man mir nicht gewährt.
Ach ja, ich glaube, ich hätte so gern auch – preislich inklusive – einen Butler …
Prof. Dr. Uta Brandes, seit 1995 Professorin an der Köln International School of Design, war u. a. Direktorin des „Forums“ der Bundeskunsthalle Bonn; ist Autorin von Designermonographien, Mitbegründerin des St. Moritz Design Summit und hält Gastdozenturen an Designhochschulen im In- und Ausland.
