Dramatische Schauplätze
Hotels in der Literatur

Von Margarete von Schwarzkopf
„Im Herzen des Londoner Westends gibt es viele versteckte Winkel, die kaum jemand kennt, außer den Taxifahrern, die sie kundig durchqueren. Biegt man, vom Hyde Park kommend, in eine der unscheinbaren Straßen ein, so gelangt man in eine ruhige Straße, auf deren rechter Seite Bertrams Hotel liegt. Bertrams Hotel kann auf eine lange Tradition zurückblicken.“
So beginnt Agatha Christies Kriminalroman „Bertrams Hotel“, den die berühmte Autorin 1965 veröffentlichte. Hinter der freundlichen viktorianischen Fassade des renommierten Hotels, das Agatha Christie ganz offensichtlich dem weltbekannten „Brown’s“ nachempfunden hat, verbirgt sich das Böse. Denn unter den zahlreichen Gästen des Edeletablissements befindet sich ein Mörder, der unter anderem nach dem Leben von Hochwürden Pennyfather trachtet, der eines Tages spurlos verschwindet. Ein Fall für Miss Marple, die, wie so viele andere ältere Damen auch, gerne mal einen Besuch in der Metropole London dazu benutzt, in der Eingangshalle des Hotels Tee zu trinken: „Die große Eingangshalle war der Lieblingsplatz für den nachmittäglichen Tee. Den älteren Damen machte es Spaß zu beobachten, wer ein- und ausging,alte Freunde zu begrüßen und süffisante Bemerkungen da-rüber fallen zu lassen, wie sehr diese gealtert seien.“
Auf eben jene Szene verweist auch Gilbert Adair in seinem 2007 erschienenen Thriller „Ein stilvoller Mord in Elstree“, eine liebevolle Satire auf Agatha Christies kriminalistische Welt der Wohnzimmermörder und High Society. Da treffen sich in der Eingangshalle eines englischen Nobelhotels die berühmte Autorin Evadne Mount und ihr alter Bekannter Eustace Trubshawe beim Tee, lästern freundlich über das Älterwerden und die Menschheit im Allgemeinen und werden wenig später in einen Kriminalfall verwickelt. Im Hotel fing sozusagen alles an.
Hotels sind seit langem ein beliebter Schauplatz in der Literatur. Spiegelt doch das Leben und Treiben in Hotels, deren erstes übrigens 1774 in London von einem Herrn namens David Low als „Grand Hotel“ in Covent Garden gegründet wurde, als Mikrokosmos die große weite Welt wider. Denn hier kommen Menschen aus unterschiedlichen Gesellschaftsschichten zusammen, begegnen sich Bewohner aus fast allen Ländern dieser Erde und aus ganz verschiedenen Berufen. Dieses Phänomen hat schon Vicki Baum 1929 zu ihrem internationalen Bestseller„Menschen im Hotel“ inspiriert. Als Vorbild galt ihr damals das Berliner Hotel Excelsior. In Vicki Baums „Grand Hotel“ steigen Menschen ab, die zum Teil vom Leben gezeichnet sind wie der schwer kriegsverletzte Dr. Otternschlag, der als Dauergast im Hotel lebt, ein scheuer, verbitterter Mann. Wir begegnen der alternden Ballettdiva, dem schönen Baron Gaigern und einem Mann, der zunächst einen eher unglücklichen Auftritt hat: „Dieses Individuum, dieser Mann, dieser Mensch passte schlecht genug in die Halle des Grand Hotel. Er trug einen billigen, neuen runden Filzhut, der ihm etwas zu weit war und durch abstehende Ohren gehindert wurde, noch tiefer ins Gesicht zu rutschen. Er hatte ein gelbliches Gesicht … und war bekleidet mit einem engen, grüngrauen, alten und traurig unmodernen Überzieher.“ Nach einigem Hin und Her bekommt dieses „Individuum“ dann doch ein Zimmer in dem Hotel und trägt sich ein unter „Otto Kringelein, Buchhalter aus Fredersdorf, Sachsen, geboren in Fredersdorf am 14.7.1882“. Dieser Kringelein ist ein todkranker Mann, der vor seinem Tod das Leben in der Großstadt noch einmal genießen will. Er befreundet sich mit Dr. Otternschlag, der viel Verständnis hat für den einsamen Mann aus Fredersdorf.
Der „Kolportageroman mit Hintergründen“, wie Vicki Baum ihr Buch damals selbst bezeichnete, wurde zum Vorbild für etliche Romane und auch Sachbücher über das Leben in Hotels. Dreimal wurde Vicki Baums Roman verfilmt, darunter 1932 als „Grand Hotel“ mit Greta Garbo. Diese Faszination der großen Hotels mit ihrem Glamour, aber auch ihrer Anonymität, die Vicki Baum als Symbol für unsere Gesellschaft sah und kritisierte, griff im Frühjahr 2007 eine Ausstellung im Münchner Literaturhaus auf. „Grand Hotels – Bühnen der Literatur“ hieß das Motto dieser Ausstellung, die unter anderem dokumentierte, welchen Einfluss das Leben im Hotel auf Schriftsteller hatte. Darunter war auch Thomas Mann, der in seinem amerikanischen Exil lange Zeit im New Yorker Bedford Hotel wohnte, einem Zufluchtsort vieler Emigranten. Im Exil sein heißt, für längere Zeit im Hotel und aus dem Koffer leben – das haben Schriftsteller wie Thomas Mann, Stefan Zweig und Joseph Roth selbst erfahren müssen. Thomas Mann vermerkt in seinem Tagebuch am 1. November 1940: „Kaffee und Cerealfrühstück nach dem Bad … im Bedford am Nachmittag Tee mit Katja und Klaus.“ Das Bedford in Manhattan, das von einem deutschen Emigranten geleitet wurde, war bis zum Kriegsende Treffpunkt der deutschen Emigranten in New York, ein Ort des geistigen Austausches und der letzten Heimatgefühle.
Anders bei Stefan Zweig, der in seiner „Schachnovelle“ den Aufenthalt einer seiner Hauptfiguren in einem Hotel, das er ein Jahr nicht verlassen konnte, als Sinnbild für Gefängnis sieht – eine Welt begrenzt auf Schrank, Bett, Waschtisch, Tisch und Sessel mit einem vergitterten Fenster. So ähnlich muss sich Joseph Roth gefühlt haben, der während seiner vielen Besuche in Paris und später in der Emigration im Hotel Foyot gewohnt hatte, für ihn Heimatersatz, aber zugleich auch eine auf wenige Quadratmeter beschränkte Welt, die er später, nach dem Abriss des Hotels 1937, noch mit einem winzigeren Zimmer über seinem Stammcafé tauschte – ein Schritt näher an eine Gefängniszelle im übertragenen Sinn und an den endgültigen Verlust von Verwurzelung. Dass die Hotels der Literaten nicht immer Grand Hotels waren, sondern oft eher armselige Unterkünfte zeigt zum Beispiel Graham Greene in „Die Stunde der Komödianten“, in „Unser Mann in Havanna“ und in „Der stille Amerikaner“. Hotels in aller Welt – von Jamaika bis Vietnam – sind hier Schauplatz und Kulisse für menschliche Irrungen und Wirrungen, von Verrat, Liebe und Intrigen. Und auch John Irving sieht in seinem Roman „Das Hotel New Hampshire“ das Hotel, das dort aus den Überresten einer Schule aufgebaut wird, als einen Ort der Weltbespiegelung, ein Zentrum für Schicksale und Träume, von Illusionen und Tränen – für all das, was Menschen bewegt, eine Mischung aus Himmel und Hölle, als Schauplatz für Verbrechen oder für Leidenschaft, als Versteck für Liebende oder für Gangster, Ort der Ruhe oder der Zerstreuung, als Bühne für große Auftritte und letzte Worte.
Und das verbindet letztlich alle Hotels in der Literatur, egal, ob Grand Hotel oder Absteige und letzter Zufluchtsort für die Außenseiter dieser Welt in den Dschungeln von Asien und Afrika: Es ist ein gewisses Gefühl der Zeitlosigkeit und der Allgemeingültigkeit, eben jener Mikrokosmos, den Vicki Baum schon 1929 in „Menschen im Hotel“ facettenreich darstellte. John von Düffel bringt dieses merkwürdige Gefühl, diesen emotionalen Schwebezustand, der sich mit dem Begriff „Hotel“ in der Literatur verbindet, in seinem Roman „Hotel Angst“, der in Bordighera spielt, auf den Punkt: „Das Hotel war bewohnt von seiner Vergangenheit. Für ein solches Hotel sind 100 Jahre keine Zeit“. So ähnlich hat den alterslosen Charme von Hotels auch schon Agatha Christie in „Bertrams Hotel“ beschrieben: „Es gibt ein wundervolles Fleckchen in London – und das ist Bertrams Hotel. Man kommt sich vor, als sei man hundert Jahre zurückversetzt, es ist dort wie im alten England.“ Dass Hotels als Welt im Kleinen und als eine Art Zeitmaschine und Kaleidoskop auch weiterhin in Romanen, ganz zu schweigen von bildreichen Sachbüchern, ihren festen Platz haben werden, das ist gewiss, und auch als Quelle für Zitate werden sie in Zukunft dienen, diese Orte, von denen Kurt Tucholsky mit der ihm eigenen Ironie einmal meinte: „Die meisten Hotels verkaufen etwas, was sie gar nicht haben: Ruhe.“
Margarete von Schwarzkopf ist Redakteurin beim Norddeutschen Rundfunk. Sie betreut eine wöchentliche Büchersendung im Radio, bespricht Bücher im Fernsehen und greift auch selbst zur Feder. Zum Beispiel für „Schokolade“ – 2006 bei Hoffmann und Campe in Hamburg erschienen.
