Zimmer mit Glamour

Farbpigmente und Kristalle inszenieren triste Hotelwände

Zimmer mit Glamour

von Annika Wind

Wenn bunte Holzfasern auf Kristalle treffen, dann ist BASF im Spiel. Mit speziellen Farbpigmenten entsteht eine neue Generation von Faserplatten, die mit Kristallen Akzente in triste Hotelzimmer zaubern. Das Erfolgsrezept: Man nehme durchgefärbte MDF, sogenanntes „Topan colour“ der Firma Glunz und besetze sie mit Swarovski-Kristallen. Das Ergebnis ist sehenswert, denn so viel steht fest: Die Zukunft von Hotelzimmern wird glänzend.

Hotelgäste sind eine sensible Kundschaft. Jeder Gast in einem Hotel würde am liebsten wie ein einmaliges Ereignis behandelt werden. Wer sich in die Laken eines Hotelbettes kuschelt, möchte an die Gäste vor ihm nicht erinnert werden. Hotelzimmer sind schließlich Räume der Illusion: Alles, was genutzt wird, gilt nur für den einen, aktuellen Gast. Die Hinterlassenschaften anderer, Kratzer im Bettrahmen oder Gebrauchsspuren in der Inneneinrichtung, stören nicht nur diese Illusion – sie rauben das Gefühl von Exklusivität.

Hotelmöbel sind aber, und seien sie noch so hochwertig, Massenprodukte. Ihnen einen Hauch von Luxus zu verleihen ist nicht leicht. Denn wer ein Hotel einrichtete, der hatte gleich zwei Probleme auf einmal: Er musste vielen Zimmern ein individuelles Aussehen geben. Dabei könnte die Lösung einfach sein und dennoch exklusiv. Sie könnte glitzern und Farbakzente setzen: in Form von farbigen und mit Kristallen besetzten MDF-Platten.

MDF, das steht für mitteldichte Faserplatte. Um sie herzustellen, wird Frischholz – meist Nadelholz – zerfasert und dann verpresst. Zu hochwertigen Platten, die natürlich anmuten und in ihren Verarbeitungseigenschaften mit Massivholz vergleichbar sind. Damit haben sie einiges mit den Kristallen von Swarovski gemeinsam: Schließlich glitzern sie, als wären sie echte Brillanten. Und dabei sind sie wesentlich vielfältiger zu nutzen – und individuell produzierbar.

Theoretisch ließe sich aus MDF alles bauen, auch hochwertige Möbel. Doch lange litt der Ruf des Materials darunter, den Charme einer schnöden Pressholzplatte nicht loszuwerden. Wer eine MDF-Platte zerschnitt, erblickte die verpressten, naturbelassenen Holzfasern.

Doch nun kann sie gelocht, gestanzt, geschnitzt oder gefräst werden. Farbig bleibt sie immer und das rundherum – dank einer Firmenkooperation zwischen Glunz und BASF. „Im Rahmen einer strategischen Partnerschaft hat BASF die geeigneten Farben kreiert und Glunz das Werkstoff-Know-how beigesteuert“, sagt Juliane Krüsemann von BASF und erklärt den aufwendigen Forschungsprozess: In Kooperation mit dem Fraunhofer Institut ließen die Partner Farben mischen, Leime testen und das Ganze mit Holzfasern vermengen. Das Ergebnis: „Die Farben ziehen nun in jede einzelne Faser ein“, so die Marketing-Managerin für Decorative Coatings.

Je heller das Holz, desto besser die Durchfärbung. Bei der Entwicklung von durchgefärbten MDF arbeiten BASF und Glunz, die deutsche Tochergesellschaft der portugiesischen Sonae Indústria, eng zusammen. Glunz kann das sogenannte Design-MDF „Topan colour“ in verschiedenen Farben liefern. „Ich habe mir aber bewusst Grau, Schwarz und Blau ausgesucht“, sagt Katrin Neelsen. Wie so ein durchgefärbtes MDF aussieht und was sich daraus bauen lässt, demonstriert die Designmanagerin während der Internationalen Kölner Möbelmesse in einer Installation im Kap am Südkai – gleich mit einem weiteren Novum, den Kristallen von Swarovski. Sechs Sitze in Form von Kristallen aus „Topan colour“-MDF sind im KAP Forum zu sehen. „Durch die Firmenkooperation haben wir ganz neue Möglichkeiten der Gestaltung gefunden“, schwärmt Neelsen, die im Auftrag der Firma Glunz den Messestand zu den Passagen entworfen hat.

Aus dem durchgefärbten MDF ist nun ein „3-D-Exponat“ geworden, wie Neelsen erklärt. Neben den Sitzmöbeln hat sie daher drei riesige Kristalle aus „Topan colour“ entworfen, die aussehen, als seien sie direkt vom Himmel ins Kap am Südkai geflogen. Einen Durchmesser von fast drei Metern hat die mit Kristallen besetzte Installation – riesige, funkelnde Hingucker. Katrin Neelsen hat sie unterschiedlich gestaltet: „Ich wollte zeigen, wie dekorativ die Swarovski-Kristalle sind und wie sie auf durchgefärbten MDF wirken.“ So sind florale und grafische Muster entstanden, an einigen Stellen ist ihre Präsentation aber auch bewusst puristisch. „Das Wichtigste ist, an der richtigen Stelle Akzente zu setzen.“

Wie sich mit den bunten Glitzerplatten Hotels einrichten ließen? „Die Menschen sehnen sich nach Außer-gewöhn-lichem“, sagt die Innenarchitektin. Für Hotels sei es enorm wichtig, den Gästen einen Wohlfühleffekt und das Gefühl von Individualität und Exklusivität zu vermitteln. Aus dem durchgefärbten MDF könnten nicht nur Wandverkleidungen oder Möbel entstehen, sondern auch einzelne Accessoires. Eine Lounge im Glitzerlook mit kristallbesetzter Bartheke. Wellness-Bereiche, in denen die Wände funkeln. Oder Zimmernummern, die von der Tür des Hotelgastes glitzern – das alles wäre mit „Topan colour“-MDF in Verbindung mit Swarovski- Kristallen möglich.

Diamonds are a girl’s best friend – aber ließen sich die hochwertigen Kristalle dann nicht auch einfach von den Gästen aus der Wand pulen? „Die Steine sind tief in die Platte eingesetzt“, erklärt Katrin Neelsen. Theoretisch ließe sich auch auf den Kristallen laufen, die Kristalle werden durch eine Glasplatte oder eine Versiegelung geschützt. MDF selbst ist äußerst robust, einen Kratzer in die Platten zu bekommen ist nicht gerade einfach. Die Zukunft des Hotelzimmers funkelt – und stoßfest ist sie auch.

Die Exponate sind im KAP Forum am Rheinauhafen während der Internationalen Möbelmesse in Köln zu sehen. Danach zieht die Installation in das Design-Competence-Center der Firma Glunz/Sonae Indústria nach Horn-Bad Meinberg.


Annika Wind ist Kunsthistorikerin und Journalistin und schreibt für Spiegel Online, verschiedene Fachmagazine und Tageszeitungen über die Themen Architektur und Design.