Schönheit …

auf den zweiten Blick.

Schönheit auf den zweiten Blick

Thomas Trenkamp im Gespräch mit Inken Herzig

Thomas Trenkamp hat der Teppichkultur mit Carpet Concept eine neue Dimension gegeben. Wo andere einfach Bodenbeläge ausrollen, erfindet der Design-Manager und Unternehmer intelligente Textil-Lösungen.

KAP-Magazin: Als Sie 1993 Carpet Concept gründeten, wollten Sie den Teppich neu erfinden. War das Ihr einziger Größenwahn?

Keineswegs. Schließlich wollten wir ja keine Bettvorleger machen, sondern Teppichböden für architektonisch anspruchsvolle Objekte. Bescheiden, wie wir waren, nahmen wir uns vor, jeden Teppich ab fünfzig Quadratmetern individuell anfertigen zu lassen.

Wie sollte das gehen?

Das fragten damals alle. Individuell anfertigen – das geht hochwertig nur, wenn Sie weben lassen. Aus der Fachwelt sagten sie uns: „Lasst das. Die Weberei ist tot.“ Mag sein, dass sie das war. Tatsächlich fanden wir für unsere Idee eine alte Weberei – sogar hier in Deutschland. Also legten wir los.

Kühner Gedanke – kein Mensch von Welt hätte sich damals freiwillig einen Teppich in Wohnung oder Büro gelegt?

Stimmt schon. Bei Architekten und Designern galten Teppichböden jedenfalls nicht gerade als besonders zeitgemäß ...

… und Sie dachten, wenn Sie selbst zum Zeichenstift greifen, ändert sich das?


Ja. Wenn mich ein Gedanke packt, gehe ich ihn konsequent zu Ende und schaue, was er hergibt. Also habe ich die erste Kollektion selbst gezeichnet. Wie Archäologen haben wir uns daran gemacht, alte Web-Techniken aufzuspüren …

Oh Gott, also doch Biedermeier?


Nein. Das ist doch das Verrückte: mit traditionellen Techniken etwas aufregend Neues und Zukunftsweisendes zu machen. Wir waren plötzlich in der Lage, alte Relief-Techniken anders zu interpretieren und damit Teppichböden auch ohne den Einsatz unterschiedlicher Farben ein ganz neues Aussehen zu verleihen.

Uni – ein bisschen langweilig?


Würde ich nicht sagen. Zugegeben: Unsere unifarbenen Teppiche sind etwas für den zweiten Blick. Aber gerade, weil sie unaufgeregt und fern jeder Mode sind, kommen sie bei Architekten gut an. Carpet Concept macht keine bunten, sondern farbige Teppiche.

Inzwischen ist Teppich der Renner. Was ist passiert?

Die Leute haben gemerkt, wie unglaublich praktisch das Produkt ist. Teppich ist so vielseitig. Er vermittelt Gehkomfort und schont die Gelenke. Er ist wohnlich und unterstützt sogar noch bauliche Lösungen – etwa bei der Akustik und beim Wohlbefinden.

Das hatte vorher niemand gewusst?


Vermutlich schon, aber die gute Idee war durch miserable Kommunikation gründlich verdorben worden. Als Tufting-Teppichböden Mitte der 50er Jahre von Amerika nach Deutschland kamen, waren die der Renner. Ich kannte Diskotheken und Aufzüge, da hingen Teppiche an Wänden und Decken – die Leute fanden das Produkt so irre, dass sie es als Tapete benutzten.

Das ist lange her.

Ja, aber das galt noch in den 70er Jahren, als die Teppiche dunkelbraun und resedagrün, also sehr unempfindlich waren. Zehn Jahre später kamen dann helle Farben wie lindgrün und steingrau auf. Darauf sahen Sie jeden Flecken – aber die Industrie konnte mit den Problemen der Kunden nichts anfangen.

Was hätten die tun sollen?


Wenigstens die entsprechenden Reinigungsverfahren bekannt machen. Bei Naturstein findet es jeder selbstverständlich, dass er täglich gereinigt wird. Auch Teppichboden hat Anspruch auf Pflege. Wenn Sie bei der Reinigung nicht sparen, altert er auch schön.

Sehr würdevoller Gedanke.

Ich sehe es eher praktisch. Teppichboden hält Schmutz fest und gibt ihn bei richtiger Pflege auch wieder ab. Nicht ohne Grund wird sogar in Krankenhäusern und Seniorenresidenzen wieder Teppich verlegt. Früher hieß es: „Allergiker, nehmt Parkett.“ Heute weiß man, dass Staub bei glatten Böden stärker zirkuliert und sich die bekannten Wollmäuse bilden. Teppich dagegen kann Staub bis zur Reinigung binden.

Wie muss ich mir den Teppich im Hotelzimmer der Zukunft vor-stellen?

Intelligent, mit Zusatznutzen, z. B. so ausgerüstet, dass ich dort Datenleitungen und Strom habe. Der Teppichboden könnte uns mitteilen, wann er gereinigt werden will. Und was die Gäste angeht: Die müssen das Gefühl haben, mit nackten Füßen sorglos über den Teppich laufen zu können. Das sind Fragen, an deren Lösungen gearbeitet wird.

Was stört Sie in Hotelzimmern – von alten Teppichböden abgesehen?

Hoteliers sollten ihre eigenen Zimmer ausprobieren, bevor sie freigegeben werden. Da gibt es so viel zu bemängeln. Setzen Sie sich mal auf einen Stuhl – dann sehen Sie plötzlich die hässlichen Rollen unter den Betten. Fernseher stehen im Weg, der Zimmerflur ist klein wie ein Karnickelstall. Ist es nicht schlimm, dass Sie für das Bewohnen eines Hotelzimmers häufig eine Gebrauchsanweisung brauchen? Ein erlebtes Beispiel: Auf der Suche nach dem Föhn fand ich diesen in einem guten Hotel fest angeschlossen im Kleiderschrank. Da fehlen mir schlicht die Worte! Ich lege zudem Wert auf Details. Wenn es Obst oder Gebäck auf dem Zimmer gibt, dann sollte es frisch sein. Ein gutes Hotel braucht Individualität und den Mut, sich von überholten Standards zu befreien.

Teppich ist wie ein Portier – er empfängt im Hotel die Gäste. Was kann er noch?

Zum Beispiel die Wegeführung übernehmen – auch bei schwachem Licht lässt sich das mit nachleuchtenden Fasern perfekt lösen. Die neuen Fluchtwegeverordnungen sind heutzutage ästhetisch überzeugend fast nur noch über den Teppichboden umzusetzen. Ähnlich wie im Flugzeug: Die Leuchtmarkierungen zeigen Ihnen den Weg.

Klingt alles nicht so charmant?


Man muss sich von dem Gedanken lösen, dass Textilien nur für die Dekoration da sind. Wir verstehen Teppichboden im Objekt, also auch im Hotel, wie einen technischen Baustoff. Brandschutz in Verbindung mit hohen akustischen Anforderungen sowie der gewünschten Individualität wären ohne moderne Textilien kaum leistbar. Und was den Charme betrifft: Selbstverständlich bringt Teppich Wärme und Atmosphäre – warum sonst legen Wüstenbewohner in ihren Zelten Teppiche aus? Hier käme keiner auf die Idee, Laminat zu verlegen …

Teppich – auch ein Thema für exklusive Kunden?

Da bin ich ganz sicher. Das Uniforme wird in der Mittelschicht ebenso wie in der Oberschicht verschwinden. Die Leute werden wieder gezielt nach dem Besonderen suchen. Nicht umsonst verstehen wir uns als Manufaktur und bieten gerade hierfür Lösungen und Antworten.

Teppichböden können eine ganze Philosophie ausdrücken – man rollt den roten Teppich aus.

Für mich ist ein Teppichboden eine Besonderheit und in der Phantasie fast grundsätzlich rot. (Das mag an meiner katholischen Erziehung liegen.) Stellen Sie sich vor, der Papst landet am Köln-Bonner Flughafen und der Teppich wäre grün. Kaum vorstellbar! Ein Teppich verleiht Statur – man schreitet darüber und man tut es bewusst.

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